Wie sich eine Gesellschaft in bester Absicht selbst zerstört

Interessanter Artikel über die Gesellschaftliche Entwicklung hin zum Brexit.
Es gibt interessante Parallelen zu Entwicklungen hier.

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Union membership was at 64% in the 70s. It’s now around 21%, and a mere 7% in the private sector. Every union in the world was, ultimately, formed by terrible employers. Now union power is gone, and guess what: the terrible employers are back.

Das ist natürlich besorgniserregend und ich habe ähnliches in einem Artikel über ein großes, internationales Gewerkschaftstreffen gelesen. Ich glaube, wir müssen uns als Partei da etwas überlegen, wie wir die Rolle der Gewerkschaften als Partei bzw. Staat ersetzen können, ohne ein Bürokratiemonstrum zu erschaffen.

Da im Blogpost die Entwicklungen quasi als komplett selbstverschuldet dargestellt werden: was ist eigentlich aus den globalisierungskritischen Linken geworden? Vor fast einem Jahrzehnt gab es ein großes Event von Attac an meiner Uni und ich führte da viele interessante Gespräche, aber solche Leute scheinen irgendwie aus den Medien verschwunden zu sein (bis auf sowas wie die Krawalle in Hamburg). :thinking:

Ersatz für Gewerkschaften zu organisieren wird schwierig. Das setzt schließlich ein großes Maß an Solidarität und sagen wir mal “Klassenbewustsein” voraus. Das scheint aber beides in zunehmendem Maße in der Bevölkerung zu fehlen. Diese zerfällt eher in kleinere, sich oft antagonistisch gegenüberstehende Gruppen bzw. bleibt passiv oder versuchen sich als Einzelkämpfer durchzuwursteln.

Da die “Arbeiterklasse” durch die zunehmende Arbeitsteilung, also immer mehr verschiedene Branchen, Berufszweige usw immer fragmentierter wird, d.h je nach Branche eben sehr unterschiedliche Partikularinteressen im Vordergrund stehen wird es schwieriger diese alle unter einer Bewegung zu vereinigen.

Durch das BGE könnte man jedoch sowas wie ein individuelles Streikrecht ermöglichen. Arbeitgeber die beschissene Arbeitsbedingungen anbieten hätten es dann sehr sehr schwer Leute dafür zu finden. Wäre ja niemand zwangsweise darauf angewiesen diese Arbeit zu machen. Aber auch dafür bräuchte es eine starke Massenbewegung welche solch eine Errungenschaft erkämpfen kann.

Gerade was das BGE angeht wird viel über die Vorteile oder Finanzierbarkeit geredet. Aber kaum wie man jenen Kampf organisieren muss welcher notwendig ist um die Einführung durchzusetzen. Denke, da ist auch bei den Piraten das Bewusstsein dafür wie man die notwendige Machtbasis für echte Reformen erlangt noch viel zu wenig ausgeprägt. Im Grunde müssten wir erst eine entsprechende Bewegung mit aufbauen.

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Den klassischen Arbeiter gibt es nicht mehr. Der mit Werkvertrag arbeitet beutet sich selber aus und als Leiharbeiter hast du mit Streik auch schlechte Karten.

Die Hartz-Reform hat die Gewerkschaften entmachtet und deren Funktionäre sind Linientreu bei der SPD geblieben.

Es gibt schon noch ein paar sehr starke Gewerkschaften in Deutschland z.B. in der Metallindustrie mit IG Metall und Verdi für die Dienstleistungsbranche. Dennoch ist in der Tendenz zu erahnen, dass das Gewerkschaftsmodell durch die neuen Arbeitsverhältnisse auf den absteigenden Ast gerät.

Wenn man das weiß, muss sozialer Ausgleich anders geschaffen werden und nicht mehr in erster Linie über die Gewerkschaften. Instrumente wie den Mindestlohn weiter zu erhöhen und die Einführung eines Grundeinkommens stehen ja bereit, nur der politische Wille fehlt auch so etwas durchzusetzen, da dann vieles neu justiert (gesetzlich und gesellschaftlich) werden muss.

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In letzter Konsequenz sind es ja auch die Gewerkschaften welche sich z.B. oftmals gegen ein BGE stemmen. Zum einen aufgrund des veralteten Arbeitsethos zum anderen aber viel mehr weil deren Funktionäre wissen das Sie damit dann evtl überflüssig werden würden.

Auch fehlt es für das BGE noch bei weitem an der Bewegung welche für dieses die Massen mobilisieren könnte. Ohne das wird es wohl kaum funktionieren. Aber hier könnten die Piraten eine entsprechende Keimzelle bilden, denn das Thema wird ja in Zukunft eher relevanter werden.

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Die Gewerkschafter machen das aus gutem Grund:

Nach der marxistischen Theorie ist das BGE ist nur ein Trostpflaster für das Proletariat, während die Verelendung der Arbeiterklasse und deren Ausbeutung durch die Kapitalisten, welche weiterhin fleissig Kapital akkumulieren, weiter voranschreitet:

„Man begreift die Narrheit der ökonomischen Weisheit, die den Arbeitern predigt, ihre Zahl den Verwertungsbedürfnissen des Kapitals anzupassen. Der Mechanismus der kapitalistischen Produktion und Akkumulation paßt diese Zahl beständig diesen Verwertungsbedürfnissen an. Erstes Wort dieser Anpassung ist die Schöpfung einer relativen Übervölkerung oder industriellen Reservearmee, letztes Wort das Elend stets wachsender Schichten der aktiven Arbeiterarmee und das tote Gewicht des Pauperismus. […] innerhalb des kapitalistischen Systems vollziehen sich alle Methoden zur Steigerung der gesellschaftlichen Produktivkraft der Arbeit auf Kosten des individuellen Arbeiters; […] Es folgt daher, daß im Maße wie Kapital akkumuliert, die Lage des Arbeiters, welches immer seine Zahlung, hoch oder niedrig, sich verschlechtern muß. Das Gesetz endlich, welches die relative Übervölkerung oder industrielle Reservearmee stets mit Umfang und Energie der Akkumulation in Gleichgewicht hält, schmiedet den Arbeiter fester an das Kapital als den Prometheus die Keile des Hephästos an den Felsen. Es bedingt eine der Akkumulation von Kapital entsprechende Akkumulation von Elend. Die Akkumulation von Reichtum auf dem einen Pol ist also zugleich Akkumulation von Elend, Arbeitsqual, Sklaverei, Unwissenheit, Brutalisierung und moralischer Degradation auf dem Gegenpol, d. h. auf Seite der Klasse, die ihr eigenes Produkt als Kapital produziert.“

– Karl Marx, Das Kapital, Band 1, MEW 23, S. 674 f.

Naja die Marxisten sehen die Befreiung des Menschen ja auch in der Arbeit (im Sozialismus). Aber ob ich nun monotone gesundheitsschädliche Fabrikarbeit im Kapitalismus oder Sozialismus ableisten muss um leben zu dürfen macht für mich keinen unterschied. Auch der Arbeitsalltag in den Bürrokratien ist ähnlich, dumpf und entfremdend unabhängig vom System.

Die Sozialisten haben nie verstanden das es nicht unbedingt darum geht ob nun der Staat oder das Kapital die Produktionsmittel fremdbestimmt. Denn Sie hatten meist kein echtes Verständnis von individueller Freiheit, so wie das bei kollektivistischen Ideologien eben nunmal so ist.

Auch bei der Verelendungsthese lag Marx daneben, der Allgemeine Massenkonsum zeigt ja das der Wohlstand auch für die breite Masse in den (entwickelten) kapitalistischen Ländern mittlerweile extrem hoch ist. So hoch das wir unsere Umwelt damit ruinieren.

Daher wird die Frage Wie wir arbeiten immer wichtiger, als auch die Frage wie wir es organisieren können endlich weniger zu Arbeiten um die Fortschritte in der Entwicklung der Produktivität in Form von mehr Freiheit/Freizeit genießen zu können anstatt in der Form von noch mehr materiellem Konsum. Ich denke das da die theorethischen Grundlagen der Linken/Gewerkschaften einfach nicht mehr ganz so zeitgemäß sind.

Hier gilt es dann im grunde völlig neue Grundsätze auszuarbeiten.

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Siehst du den Widerspruch in deiner Argumentation? Im Marx-Zitat steht ja drin, dass die konkrete Höhe des Lohnes unerheblich ist.

Dadurch, dass der allgemeine Wohlstand durch die Erhöhung der Produktivität und Vermehrung des Kapitals durch Beteiligungen daran auch wesentlich der Arbeiterklasse zu Gute kommt, mit dem Ziel, materiellen Mangel zu beseitigen und dadurch auch die Klassenunterschiede.

Der 28jährige Karl Marx hatte prophezeit, die “klassenlose Gesellschaft” des Kommunismus werde den “totalen Menschen” schaffen und die gesellschaftliche Arbeit durch “freie Tätigkeit” ersetzen. Sie werde jedem einzelnen ermöglichen, “heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden”.
https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46275515.html

Also wenn der Marxismus mindestens eines gebracht hat, dann das Klassenbewusstsein der Arbeiter und folglich den Sozialstaat, in dem wir heute leben und hart von den Arbeitern erkämpft und den Adligen und Kapitalisten abgetrotzt wurde!

Bei allem Respekt ist das prinzipiell richtig, aber amerikanisches ‘trickle down wealth’ Geschwätz, welches sämtliche psychologischen, kulturellen, soziologischen und politischen Faktoren ignoriert.

Nehmen wir mal an, du wirst als Kind von Arbeitern geboren.
Was ist, wenn du lieber mit deinen Kumpels ein Bierchen oder zwei trinken gehst, statt Kapital für Investitionen anzuhäufen?
Was ist, wenn das die meisten Leute in deinem Umfeld so machen und es Spaß macht?
Was ist, wenn traditionell Leute in deinem Umfeld einfach “arbeiten gehen” und damit sich früher auch ein Haus leisten konnten, statt täglich die Börse zu beobachten und sich über das wirtschaftliche Geschehen schlau zu machen, um Investitionen zu tätigen?
Was ist, wenn der Staat, in dem du lebst, hohe Steuern für Investitionen und Unternehmen hat, sodass es sehr riskant und anstrengend wäre, selbstständig zu werden?

Die Amerikaner würden natürlich sagen: joa, selbst schuld. Aber ich sage: man muss auch als “einfacher”, “normaler” Mensch ein gutes Leben führen können. Und dafür muss wesentlich der Staat sorgen, bzw. wir als Lobby für “normale” Menschen, vor allem, wenn die Gewerkschaften im Niedergang begriffen sind.

Als Kind von Kapitalisten muss man nämlich, Dank Geld und Connections, schon ziemlich dumm sein, um arm zu werden und existentielle Probleme wegen Geld zu bekommen. Das könnte man doch durchaus als fundamentale Ungerechtigkeit bezeichnen, oder nicht?

Sag das dem Arbeiter aus dem 19. Jhd, der von der Hand in den Mund lebte…