Was kann vom Zusammenhang zwischen Buchdruck und Reformation für die digitale Revolution gelernt werden?

Gestern war ja der 31. Oktober bzw. der Reformationstag. Die Reformation hat ja das Wissen der Kirche dem breiten Publikum durch Übersetzung der Bibel aus dem Latein und Altgriechisch ins Deutsche zugänglich gemacht. Diese Mammutaufgabe der Übersetzung hätte Luther wohl nicht gemacht, wenn es den Buchdruck nicht gegeben hätte (Zur Erinnerung: Der Buchdruck wurde 1450 erfunden, die Bibelübersetzung kam 1522 raus). Desweiteren hat es auch zu einem neuen Denken geführt. Während es früher mit der Kirche ein Medium gebraucht hat um mit Gott zu kommunizieren, hat dieses Medium durch den Buchdruck an Bedeutung verloren.

Was bedeutet das im Bezug auf das Internet? Welches Wissen würde es ohne das Internet nicht geben bzw. wird durch das Internet zugänglicher gemacht? Welches Medium wird durch die Digitalisierung an Bedeutung verlieren und bleibt es ähnlich wie die katholische Kirche weiterhin bestehen, obwohl es eigentlich anachronistisch ist? Und damit zur letzten Frage: Wie viele Anachronismen verträgt eine Gesellschaft bzw. gibt es da überhaupt eine Grenze?

Die Fragen sind interessant, sie gehen aber am Kern vorbei: wer hat die Medienmacht? wer kann/darf sie nutzen? Wer darf lesen und schreiben lernen? Die Reformationslehre Luthers zielt auf den Machtmissbrauch der Kirche und auf die Eigenverantwortlichkeit der Christen. Welche Inhalte die Medien weitergeben, liegt nicht an dem Grad ihres “Anachronismus”. Ganz besonders aufmerksam ist ja zu verfolgen, wie speziell die “anachronistischen” Denkmuster fröhliche Urständ im Internet feiern. Es sind nicht “die Kirchen”, die sich im “Anachronismus” wälzen, sondern die selbsternannten Querdenker mit ihrem Gebrüll nach (Macht)-Freiheit.

Da widerspreche ich. Eine Bibel, als Medium, welches von Hand auf Latein (Neues Testament) und Altgriechisch (Altes Testament) geschrieben ist, gibt ihre Information an eine kleine Anzahl an Leuten weiter. Diese Leute genannt Klerus geben bestimmte Inhalte dieser Testamente nun als weiteres und zwischengeschaltetes Medium auch “Gatekeeper” genannt an die Mehrheit weiter.

Eine Bibel, welche mit einer Druckerpresse auf Lutherdeutsch herausgeben wurde, gibt ihre Information an eine größere Anzahl an Leuten weiter, sodass der Klerus automatisch an Macht verliert. Denn es gab damals zwar noch viele Analphabeten, aber die Menge an Leuten, die Lesen und Schreiben konnten und sich ein gedrucktes Buch leisten konnten war größer, als der Klerus, der zusätzlich zu Lesen und Schreiben eine oder zwei Fremdsprachen, wie z.B. Latein, beherrschte und auch die aufwendig hergestellten handgeschriebene Bibeln besaß.

Zusammengefasst: Selbst wenn es im Mittelalter einen Klerikalen gegeben hätte, der die Bibel korrekt, auch der Lehre nach, an die Mehrheit hätte weitergeben wollen, hätte er das nicht schaffen können. Denn die Reichweite eines handgeschriebenen Buches (Mitte des 16. Jahrhunderts bereits ein anachronistisches Medium) ist einfach wesentlich begrenzter, als die eines Gedruckten.