Warum scheitern wir bei der Problemlösung und was können wir dagegen tun?

Tags: #<Tag:0x00007f1e7a8f10c0> #<Tag:0x00007f1e7a8f0d50> #<Tag:0x00007f1e7a8f0a58>

Ich bin seit über 10 Jahren in der Partei und im IT-Bereich unterwegs. Da stellt sich natürlich öfter die Frage, die auch der Titel dieses Themas ist. Oder auch: warum funktioniert diese Scheiße einfach nicht :wink: ?
Leider fehlt es oft an der Zeit und der Motivation, mal etwas tiefer zu graben und dann macht man eben weiter, wie man es gewohnt ist ohne sich die grundlegenden Probleme anzuschauen.

Im bin dann auf einer IT-Konferenz auf einen Vortrag gestoßen, der ein paar konkrete IT-Fails zeigt, die der Vortragende in letzter Zeit erlebt hat. Kennt jeder, aber dann ging es zur Frage, warum das eigentlich alles passiert und was wir ganz allgemein dagegen tun können. Dadurch habe ich zum ersten Mal vom Cynefin gehört. Das Modell wurde u.a. von Dave Snowden entwickelt. Dave, nicht der Edward Snowden, den wahrscheinlich die meisten kennen.

Bevor ich mehr dazu erzähle: hat schon mal jemand etwas davon gehört?

1 Like

Davon habe ich noch nie gehört. Der Wikipedia-Artikel ist mir ehrlich gesagt, noch zu knapp. Wäre interessant zu hören, wie sich das in IT-Probleme übersetzt. Klingt sehr ehrgeizig, sogar für nationale Sicherheit soll das Konzept Lösungen anbieten. Da bin ich etwas skeptisch, denn damit habe ich mich in meinem Berufsleben recht gründlich beschäftigt.

Physiker bemühen gerne die Größe der Entropie, salopp zu verstehen als das Maß der Unordnung, Nach dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik nimmt die Entropie nur zu, aber nicht ab. Wenn man also in einem geschlossenen System die Entropie verringern will, muss man von außen Energie aufwenden. Außerhalb des geschlossenen Systems wird sie dann noch größer.

Man kann die Entropie auch als Informationsgehalt einer Nachricht verstehen: https://de.wikipedia.org/wiki/Entropie_(Informationstheorie)

Es ist einfach so: Dinge gehen kaputt und verschleißen, die Wohnung wird schmutziger, wenn wir nicht regelmäßig Putzaufwand betreiben, wir verlieren mehr als wir wiederfinden, wir werden krank und wir werden alle sterben.

Also müssen wir regelmäßigen Aufwand betreiben, um gegenzusteuern, zum Schluss verlieren wir doch.

3 Likes

Ja, auf Deutsch findet man echt wenig dazu. Der englische Artikel ist schon besser:

Oder gleich die Einführung direkt von Dave Snowden als kurzes Video zum Cynefin-Framework.

Das ist ganz wichtig: es bietet keine direkten Lösungen an, sondern eine Orientierung, wie man an ein konkretes Problem herangehen kann oder wie man mit einer bestimmten Situation umgeht. Es hilft erstmal, Systeme/Probleme/Situationen in obvious (offensichtlich), complicated (kompliziert), complex (komplex) und chaotic (chaotisch) einzuteilen. Für die 4 Bereiche gibts jeweils eine grundsätzliche Vorgehensweise. “disorder” (Unordnung), also nicht zu wissen, wo man ist, ist natürlich schlecht, das sollte man vermeiden. Da sagt der Artikel ganz gut:

In diesem Zustand gehen die Leute in ihre eigene Komfortzone zurück, wenn sie eine Entscheidung fällen.

Sehr interessant sind auch die ganzen Übergänge zwischen den Bereichen. Das ist keine starre Einteilung, sondern die Übergänge sind fließend. Probleme können irgendwie dazwischen sein und haben verschiedene Anteile, die man entsprechend in die Bereiche einteilen kann.

Der Hinweis auf Entropie ist natürlich wichtig, das war auch das erste in dem Vortrag, den ich gesehen habe vor 3 Jahren.

:scream:

Für den Zusammenhang und Hintergründe gibts ein gutes Interview, was ich mir schon ein paar Mal angehört habe:

Managing in Complexity - Dave Snowden

Die Informationsdichte und Themenvielfalt in dem Gespräch ist echt irre. Da geht es neben Cynefin u.a. um Bürokratie, Kindergeburtstage, Fehler im Bildungssystem, unfähiges Management, Kunst, Naturwissenschaften, Philosophie, Umfragen, Schwarmintelligenz und Twitter-Shitstorms. Vor allem die Zusammenhänge sind interessant und manchmal überraschend :wink:

  1. Die meisten Dinge gehen kaputt, weil sie das sollen. Stichwort Geplante Obsoleszenz

  2. Die meisten Fertigungsprozesse weisen Toleranzen auf, eine “unglückliche” Kombination aus diesen Toleranzen begünstigt einen Defekt.

  3. Physikalische und chemische Gründe oft Alterung genannt. Thermische Ausdehnung, chemische Reaktionen mit Sauerstoff, Wasser oder anderen in der Umwelt vorhandenen Stoffen.

  4. Konzeptionelle Fehler also Dinge an die Niemand gedacht hat. Dass sind dann z.B. unsachgemäßer Gebrauch, falsch eingeschätzte Umweltbedingungen. Diese Art von Fehlern treten gerne in der IT auf.
    Hohe Komplexität begünstigt konzeptionelle Fehler. Ingenieure beantworten Komplexität dieser Art mit Modellen, Pilotanlagen und zum Teil lang laufende Praxistests. Die Geschäftsleitungen mögen das aus Kostengründen nicht, daher wird auch dort jetzt simuliert, was natürlich nicht vergleichbar gut funktioniert.

Geplante Obsolenzenz ist auch ein relevantes Thema, aber ich habe mal den Titel des Themas angepasst, um dessen Ausrichtung besser darzustellen.

Bin gerade mit Kollegen dabei, ein Thema mit Hilfe von Cynefin aufzuarbeiten. Wirklich interessant, welchen Einfluss das auf das Nachdenken hat und welche Eindrücke man dadurch bekommt.

Kennt ihr https://de.wikipedia.org/wiki/Ökolopoly ein Lernspiel über komplexe Systeme und wie man mit besten Absichten, den Untergang fördert.

Die Mehrheit der Problemlösungen scheitert bereits bei der Problemstellung

Beispiel 1: “Das (zu kleine) Tischtuch” oder der Bundeshaushalt

Man kommt an einen Tisch und das Tischtuch liegt nicht am Rand. Lösung man zieht es zum Rand. Problem gelöst? Nein denn jetzt ist es auf der anderen Seite falsch. Die Problemstellung war falsch.

Beispiel 2: Der Fleck auf der Kleidung

Problem: Der Fleck soll weg.
Lösung: Schere schnipp, schnapp der Fleck ist weg.
Merke: Das eigentliche Problem / die Herausforderung ist es Stoff und Farbe übrig zu lassen.

Auch die Piratenpartei scheitert seit Jahren daran, dass die eigentlichen Probleme nicht angegangen werden. Stattdessen versucht man mit bester Absicht Teilprobleme zu lösen, die am Ende mehr Schaden anrichten, als sie beseitigen.

Gut, habe ich verstanden.

Aber könntest du dann bitte mal konkret werden? Welche Probleme gehen wir falsch an in der Partei und was wäre der richtige Ansatz deiner Meinung nach.

Gruß
Andi

Cynefin ist mir mal bei der Durchsicht einer Master Arbeit aufgefallen.
Dort wurde Cynefin zur Entscheidungsfindung herangezogen um im Vorfeld zu entscheiden ob ein komplexes Problemfeld agil oder linear bearbeitet werden soll?

Hier wurde vorher klar gestellt. bei Einordnung A und C die agile und bei Einordnung in B und D die lineare Projektmethode anzuwenden.
Gerade aber die fließenden Übergänge wurden deshalb nach den “Fragerunden” als Problem angesehen. Es wurde zwar aufgezeigt, dass viele Einsichten und vorher nicht gesehene Aspekte erkannt wurden, aber es durch die fließenden Übergänge auch nach dem Cynefin-Framework eine genaue Einordnung nicht möglich war.
Es hat also die Problematik näher beleuchtet, aber die Entscheidungsfindung (in diesem Fall!) nicht erleichtert.
Mehr kann ich dazu leider nicht sagen, da danach der Schwerpunkt der Master Arbeit wieder auf die beiden Projektformen gelegt wurde.

Die Piratenpartei ist komplex

Starke Frage! Die Piratenpartei ist ein komplexes vernetztes System. Vergleichbar mit einer Kleinstadt oder einem großen Unternehmen.

Willkürliche Aufzählung von Teilproblemen eines Neupiraten

Wie treffe ich andere Piraten vor Ort?
Wir finde ich Piraten mit gleichen politischen Interessen?
Wir funktioniert die politische Arbeit in der Piratenpartei?
Wie informiere ich mich über das bestehende Parteiprogramm?
Wann und wo finden Piratenveranstaltungen oder Aktionen in meiner Nähe statt?
Woran arbeiten Piraten aktuell?
Wo und wie kann ich mich beteiligen?

Willkürliche Aufzählung von Teilproblemen im Piratenalltag

streitende Piraten auf Twitter
“im Wiki verstecken”
warum arbeiten die ganzen AGs nicht mehr
Ist BEO schon fertig
unvorbeteitete Piraten auf Parteitagen
werden die Piratenideale von Datenschutz und Transparenz auch innerparteilich gelebt
Wo finde ich die Tonaufnahme der Sitzung
Wo finde ich das Protokoll
Wie motivieren wir Mitglieder aktiver zu sein

Abstraktion

Bei genauerem hinschauen lassen fast alle Problem auf folgende Problemkomplexe zurückführen

Eins

  • Vernetzung
  • Dokumentation

Zwei

  • Information
  • Kommunikation

Drei

  • etablierte Prozesse
  • organisatorische Mängel

Mein Vorschlag wäre also Probleme benennen und in diese Problemkreise einordnen und gegebenenfalls weitere Problemkreise aufzumachen. Durch die Reduktion der Probleme auf Problemkreise, kann man die Wechselwirkung zwischen den Problemen besser beherrschen.

3 Likes

Danke, das war doch mal eine gute Anfangsanalyse und auch ein guter Ansatz die Probleme zu lösen.

Du hast Recht. Ich befürchte nur, wir haben nicht das “Personal” um diese Probleme so strukturell anzugehen.

Gruß
Andi