Wahl-o-mat: mysteriöse Zustände

Tags: #<Tag:0x00007f132273ac08>

Servus,

Weil wir ja in Deutschland leben, hatte ich mich schon mit dem System des Wahl-o-maten arrangiert. Fand es natürlich interessant, dass er jetzt offline genommen wurde, weil maximal nur acht Parteien ausgewählt werden können. Auf der Seite der bpb heißt es dazu:

Der Wahl-O-Mat möchte die eigenständige und bewusste Auseinandersetzung seiner Nutzer/-innen mit der politischen Parteienlandschaft fördern. Daher sollen die Nutzer/-innen eine bewusste, informierte und aktive Auswahl von bis zu acht Parteien treffen. Dieser Auswahlprozess nach der Thesenbeantwortung soll den Nutzer-/innen motivieren, sich mit allen zur Wahl stehenden Parteien genauer auseinanderzusetzen.

Das ist nun laut dem Verwaltungsgericht Köln nicht rechtmäßig, benachteiligt ja auch offensichtlich kleinere / unbekanntere Parteien. Menschen sind ja tendenziell faul und wollen nicht 40 Mal auf Parteien, fünf mal auf “weiter” und vier mal auf “zurück” klicken.

Ich wundere mich, warum man nicht innerhalb eines Tages einfach alle Ergebnisse freischalten kann, sollte doch kein großes Ding sein (korrigiert mich, falls ich mich irre). Aber ich fand Folgendes auf der Wikipediaseite des Wahl-o-maten, ursprünglich ein Artikel von 2010:

Das Kuratorium der Landeszentrale für Politische Bildung [Sachsen-Anhalts] hat sich mit Blick auf ein Urteil des Verwaltungsgerichts München gegen[!] eine Neuauflage des Wahl-O-Mat ausgesprochen, wie der Kuratoriumsvorsitzende und CDU-Landtagsabgeordnete Marco Tullner gegenüber dpa sagte.

“Die Diskussion im Kuratorium war sehr vielschichtig”, so Tullner. Die Mehrheit der Mitglieder habe die Befürchtung gehabt, “dass junge Wähler eher verschreckt als aufgeklärt werden”, wenn ihnen vom Wahl-O-Mat die NPD als Partei empfohlen worden wäre.

Was haltet ihr davon? Für mich hört es so an, als ob seit fast einem Jahrzehnt viele potentielle Piratenwähler gar nicht gesehen haben, dass sie mit den piratigen Positionen übereinstimmen. Und das nur, weil die LPB Sachsen-Anhalt Paranoia vor Nazis hatte… Habe ich nicht erwartet! Dachte, dass es nur an grottiger IT lag.

Edit: jetzt will die bpb auch noch eine Beschwerde dagegen einlegen, statt einfach alle Parteien anzuzeigen…

1 Like

Damals shcon eine Unsinnsbegründung, das wird nicht besser. Stattdessen kann das ja auch einem AfD-Anhänger zeigen, dass er mit seiner eigenen Partei eigentlich nichts gemein hat (oder halt doch). Ich finde das für kleine Parteien auch immer schade. Zumal Alternativen zeigen, dass es kein Aufwand ist, alle Parteien aufzulisten.

1 Like

Ich habe mir die Frage gestellt, wieso im Vorhinein überhaupt eine Auswahl getroffen werden muss. Ist es nicht möglich die Fragen zu beantworten und dann das Ergebniss mit allen Parteien abzugleichen und nicht nur mit 8 vorhinein Auszuwählenden? Der Nutzer wird sich doch dann logischerweise mit den Parteien auseinandersetzen, die die größte Übereinstimmung mit seinen Präferenzen haben.

Also laut den Informationen, die ich am Anfang schrieb, habe ich folgende Theorien:

I. Die lpb/bpb wollen zu möglichst 100% die - hypothetische - Verantwortung ausschliessen, dass ein argloser, eigentlich unpolitischer Jugendlicher zum Spaß den Wahl-O-Maten benutzt, überraschenderweise die NPD als größte Übereinstimmung herauskommt und er infolge dessen rechtsradikal wird.

II. Die lpb/bpb wollen zu möglichst 100% die - hypothetische - Verantwortung ausschliessen, dass z.B. ein eigentlich CDU Wählender Jugendlicher plötzlich sieht, dass die NPD bei ihm auch weit oben in der Rangliste ist, und er sich infolge dessen plötzlich anfängt für Rechtsradikalismus zu interessieren.

III. In einer prophetischen Vorahnung der düsteren Twitter-Shitstorm-Welt die nach 2010 folgen wird, hat die lpb/bpb rechtsradikale Parteien so weit wie möglich versteckt, um niemanden zu triggern.

Ich kann ja nur spekulieren, wie die konkrete Denkweise der Leute ist. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es eine schlicht bevormundende Argumentation sein muss. Das wird an der offiziellen Erklärung sichtbar, warum man nur acht Parteien auswählen kann:

Der Wahl-O-Mat ist ein Angebot der politischen Bildung. Als solches ist der Wahl-O-Mat eine über Jahre entwickelte und evaluierte Konzeption von vielfältigen, aktivierenden Entscheidungsschritten. Diese wurde stets auf der Grundlage entwickelt, den Wahl-O-Mat als Informationstool und eben nicht als Wahlhilfeinstrument zu etablieren. Daher wäre eine rein technische Änderung des Tools für die Frage der Machbarkeit zu kurz gegriffen: Hierbei geht es vielmehr um die Grundkonzeption des Wahl-O-Mat als aktivierendes Informationsangebot.

Was für ein sinnloses Geschwafel, um von den wahren Gründen abzulenken! Die lpb Sachsen-Anhalt war ja überhaupt dagegen, dass ein Wahl-O-Mat existieren soll, weil ja NPD rauskommen könnte!

Wer “zurück” nicht versteht, der sollte den Wahl-o-mat nicht nutzen.

Im Prinzip verkürzt das System das Ergebnis auf eine einfache Prozentangabe, die relativ wenig aussagt. Das System wird in der Tat immer schlechter, je mehr Parteien man auswählt.
Bei Berücksichtigung aller Parteien wird das ein Zufallstreffer, da zwar alle Parteien alle Fragen notwendigerweise beantworten müssen, diese Positionen aber eigentlich gar nicht auf ihrer Agenda stehen.

Im Prinzip sollte die Empfehlung anhand prozentualer Übereinstimmungen schlichtweg entfernt werden.
Anhand der Auflistung aller Antworten der Parteien im PDF kann man viel besser Wahlentscheidungen treffen, da vielen Fragen die persönliche Relevanz fehlt.

Die Bundeszentrale für politische Bildung ist aber keine Spielehersteller, sondern hat einen klaren politischen Auftrag:

Als Beispiel nehme mal jetzt mal die Bürgerschaftswahl in Bremen.
Es kandidiert die Ein-Themen-Partei Grundeinkommen.
Es gibt keine einzige Frage zum Grundeinkommen.

Dennoch kann Dir die Partei vorgeschlagen werden, da selbstverständlich alle Fragen beantwortet wurden, ohne dass die jetzt irgendwo auf einem Parteitag beschlossen oder in einem Forum diskutiert worden wäre.

Das Prinzip des Wahlmaten kann nicht sein, eine Partei beantwortet die Fragen so, daß möglichst viele eine Übereinstimmung erkennen mögen, nur damit die Partei Stimmen bekommt.
Da ist der eigentliche Ansatz schon falsch, mit dem Ergebnis, daß die kleinen, spezialisierten Parteien unter den Tisch fallen.
Nur die Großen haben ein Gesamtprogramm, mit dem sie alle relevanten Themen abdecken und damit sind ihre Ergebnisse mit kleinen Parteien kaum vergleichbar.

Dem Auftrag wird sie doch mit dem Wahl-O-Maten allein - egal in welcher Form - nicht gerecht, das sollte doch jeder wissen. Bin ich wirklich abgehoben, wenn ich denke, dass Menschen nicht so naiv sind, dass sie den Wahl-O-Mat machen und dann direkt das erstbeste Ergebnis wählen?!

Das Teil taugt nur als grober Überblick, gerade deswegen sollte man den Überblick nicht unnötig erschweren.

2 Likes

Wenn 1/3 der Wähler 7 Tage vor der Wahl nicht wissen, wen sie wählen sollen, dann muß an denen doch Politik völlig vorbei gehen. Das ist doch die Realität.

1 Like

Ist das nicht offensichtlich und allen Beteiligten von Anfang an bewusst? Ist das nicht auch beim political compass so, der ja nur zwei Achsen bedient?

Deswegen wählt man ja die eigenen Schwerpunkte aus.

Ich fände jedenfalls eine Auswahl ex negativo, d.h. dass am Anfang alle Parteien ausgewählt sind und man uninteressante Parteien unselected, viel sinnvoller. Ich kann mich noch an vor zehn Jahren oder so erinnern, als ich meine Positionen auch mit absurden Parteien wie grauen Panther und Violetten vergleichen wollte, aber es ein unnötiger Krampf war.

Es ist ein Spielzeug, lasst doch Leute damit spielen!

2 Likes