Randomisierte Delegiertenparteitage – besser als Liquid Democracy?

Randomisierte Delegiertenparteitage – besser als Liquid Democracy?

Im Folgenden möchte ich euch eine Möglichkeit vorstellen, wie direkte Demokratie in einer Partei tatsächlich umgesetzt werden kann. Bisherige Versuche sind gescheitert, weil entweder digitale oder analoge Ansätze verfolgt wurden.

Mit analog ist die Abstimmung mit Papier und Stift gemeint. Dazu wären Mitgliederparteitage erforderlich, die ab einer fünfstelligen Mitgliederanzahl so groß wären, dass es sehr schwierig bis unmöglich wäre, solche Veranstaltungen zu planen und reibungslos durchzuführen. Zudem könnte eine echte Oppositionspartei aller Wahrscheinlichkeit nach keine Räumlichkeiten, die groß genug wären, mieten. Ab einer mittleren fünfstelligen Mitgliederanzahl kämen nur noch Fußballstadien in Frage. Außerdem werden bei Mitgliederparteitagen diejenigen stark benachteiligt, die weiter entfernt wohnen als andere. Deshalb kann auf diese Weise direkte Demokratie in einer Partei nicht umgesetzt werden.

Mit digital sind Abstimmungen an Computern oder Smartphones über das Internet gemeint. Diese können nicht funktionieren, weil sie nicht alle, an eine Wahl gestellte, Forderungen erfüllen.

  1. Forderung: Bei einer Wahl sollte der Wähler nachvollziehen können, dass die eigene abgegebene Stimme tatsächlich gezählt wird. Das ist bei Bundestagswahlen (also analogen Wahlen) mit Wahllokal, Wahlkabine und Wahlurne ausreichend der Fall. Natürlich kann es lokal zu Wahlfälschungen kommen, aber die Möglichkeit, dass jeder als Wahlbeobachter die Auszählung beobachten kann, sollte ausreichen, um Wahlfälschung so selten werden zu lassen, dass sie fast nie ins Gewicht fällt.

  2. Forderung: Eine Wahl sollte geheim sein, das heißt, dass andere die eigene Wahlentscheidung nicht erfahren können sollten. Indem der eigene Stimmzettel in die Wahlurne gesteckt wird, wird dieses Ziel bei der analogen Abstimmung erreicht, weil es praktisch unmöglich ist die Stimmzettel den Abstimmenden zuzuordnen.

Bei digitalen Abstimmungen kann nicht gleichzeitig Anonymität und Nachvollziehbarkeit gewährleistet werden. Bisher ist jeder Versuch gescheitert, weil es grundsätzlich nicht möglich ist.

Die Piratenpartei hat ernsthaft versucht eine digitale Lösung mit der Software Liquid Feedback zu schaffen, doch ihre Mitglieder mussten sich eingestehen, dass sie Anonymität und Nachvollziehbarkeit nicht gleichzeitig gewährleisten konnte.

Der Verein DEMOCRACY Deutschland e. V. , der die Democracy App entwickelt hat, gibt selbst zu, dass bei seinen Abstimmungen die Nachvollziehbarkeit der eigenen Stimmabgabe nicht gewährleistet werden kann:

„Der Verein räumt ein, dass dieses Verfahren für die Ergebnissicherheit, bzw. die individuelle wie globale Verifizierbarkeit des korrekten Auszählungsergebnis – eine weitere Anforderung an ein Wahlverfahren[14] – allerdings noch keine adäquate Lösung biete.“

Quelle: Democracy (App) – Wikipedia

Zitat von Linus Neumann, Hacker und Sprecher des Chaos Computer Club:

„Wahlen sollen frei, geheim und allgemein nachvollziehbar sein. Sie gleichzeitig geheim und nachvollziehbar zu gestalten, ist aber mit einem Computer nicht umsetzbar“ und weiter

„Entweder sind die Stimmen geheim, dann ist aber das Zustandekommen des Ergebnisses nicht nachvollziehbar – oder das Zustandekommen des Ergebnisses ist nachvollziehbar, und die Stimmen sind nicht mehr geheim.“

Quelle: SPD-Online-Abstimmung: CCC warnt vor umstrittenem Wahlverfahren - DER SPIEGEL

Weiterer Einwand gegen E-Voting

Volker Birk langjähriges Mitglied des Chaos Computer Club Zürich:

„Wie die Snowden-Enthüllungen offenbart haben, hielt die NSA in einem geheimen Strategiepapier schon vor zehn Jahren fest: «activities such as […] e-voting […] beg to be mined» (übersetzt: E-Voting bettelt geradezu darum, ausgebeutet zu werden). Zu diesem Zweck hat die NSA Internetrouter des Quasimonopolisten Cisco auf dem Postweg abgefangen und verwanzt, wie NSA-Papieren weiter zu entnehmen war. Da Schweizer Behörden ebendiese Router verwenden, darf man davon ausgehen, dass die Amerikaner längst «Man in the Middle» sind. Das ist übrigens auch der Grund, weshalb ich gerade einen «Man in the Middle»-Angriff verwendet habe. Die NSA benennt übrigens neben E-Voting noch E-Commerce sowie «on-net industrial and utility control», also die Steuerung von Industrie und Versorgung, als ihre Angriffsziele. Dasselbe darf man des Weiteren auch von den Chinesen erwarten, die Schweizer Provider beliefern. Wir gehen davon aus, dass ausnahmslos alle E-Voting-Systeme in der Schweiz von vornherein unterwandert sind.“

Rein digitale oder analoge Abstimmungen können also nicht funktionieren. Wie kann es trotzdem klappen? Indem analoge und digitale Abstimmungen geschickt miteinander kombiniert werden! Und zwar so:

Mein Vorschlag erfüllt folgende Forderungen:

  1. Repräsentativität der Wahlen

  2. Nachvollziehbarkeit, dass die eigene Stimme gezählt wurde

  3. Manipulationen können ausgeschlossen werden

  4. Anonymität kann gewährleistet werden

Er besteht aus drei Hauptelementen:

  1. zufällig ausgewählte Stichproben, die groß genug sind, um repräsentativ zu sein

  2. elektronische Abstimmung, bei der die Abstimmungsgeräte und der Zentralrechner nicht mit dem Internet verbunden sind

  3. analoge Abstimmung mit Papier und Stift als Kontrolle direkt im Anschluss an die digitale Abstimmung

Repräsentativität durch zufällig ausgewählte Stichproben:

Die Methode der Zufallsstichprobe ist seit Jahrzehnten ein Standardverfahren in Wissenschaften. Jede Wahlvorhersage beruht darauf. Wichtig ist, dass die Stichprobe groß genug ist und zufällig ausgewählt wird. Die Stichprobe ist eine Teilmenge der gesamten Gruppe, in eurem Fall besteht die gesamte Gruppe aus allen Parteimitgliedern. Es kann leicht berechnet werden, wie groß eine Stichprobe einer gesamten Gruppe sein muss. Zum Beispiel auf folgender Seite:

Es muss festgelegt werden, wie groß die gesamte Gruppe ist und wie groß das Konfidenzniveau und die Fehlerspanne sein sollen. Ein Konfidenzniveau von 95% und eine Fehlerspanne von 5% sind ausreichend. Bei diesen beiden Werten ergeben sich folgende Werte für Stichproben und Gesamtgruppengröße:

10.000 Gesamtgruppe → 370 Stichprobe

100.000 Gesamtgruppe → 383 Stichprobe

1.000.000 Gesamtgruppe → 385 Stichprobe

Eine Stichprobe von 385 zufällig ausgewählten Parteimitgliedern wäre also groß genug, um auch bei einer stark anwachsenden Partei, zuverlässige Aussagen über alle Parteimitglieder treffen zu können.

Aufbau:

Ihr müsst euch eine Halle kaufen (Mietverträge können gekündigt werden), die groß genug ist, um darin jedes Wochenende einen Parteitag mit 385 zufällig ausgewählten Parteimitgliedern durchführen zu können. Solche Hallen könnten schon für 1.000.000 € zu haben sein. Die 385 Parteimitglieder würden einzeln an kleinen Schreibtischen sitzen. Auf den Tischen befänden sich ein Notebook und ein Stapel Blätter für die analoge Abstimmung. Vorne vor den Tischen wäre eine Bühne auf der die Parteitagsleitung säße. Auf großen Bildschirmen oder Leinwänden würden die Fragen/Anträge und die Abstimmungsergebnisse abgebildet werden und auf den Notebooks natürlich auch.

Nachvollziehbarkeit, dass die eigene Stimme gezählt wurde:

Jedes der 385 Parteimitglieder stimmt zuerst am Notebook ab und anschließend über die selbe Frage mit Papier und Stift. Die Stimmzettel werden jeweils nach 90 Minuten in den Pausen eingesammelt. Ihre Auszählung sollte sofort innerhalb der Halle in Sichtweite begonnen, gefilmt und in Echtzeit ausgestrahlt werden. Dadurch kann jeder Abstimmende sicher sein, dass seine Stimmen gezählt werden, weil die digitale Abstimmung durch die analoge Abstimmung zeitverzögert kontrolliert wird.

Manipulationen können ausgeschlossen werden:

Die analoge Abstimmung wäre genauso sicher wie bei Bundestagswahlen. Selbst wenn die digitale Abstimmung tatsächlich manipuliert werden sollte, würde es durch die analoge Abstimmung auffliegen. Das Kosten-Nutzen-Verhältnis für potentielle Saboteure wäre so schlecht, dass sie es erst gar nicht versuchen sollten.

Anonymität bei der digitalen Abstimmung:

Die Notebooks sollten mit einer Linux-Live-Distribution auf DVD betrieben werden. Dadurch können die Festplatten ausgebaut werden, weil solch ein Betriebssystem nur im Hauptspeicher abspeichert. Sobald das Notebook ausgeschaltet wird, werden alle Daten gelöscht. Außerdem sollten noch Mikrofone, Kameras und Funkempfänger und -sender ausgebaut werden. Die Notebooks wären nur über Kabel mit einem Zentralrechner verbunden. Auch der Zentralrechner darf keine Funksender oder -empfänger haben. Er darf nicht mit dem Internet verbunden sein. Es wäre ein geschlossenes System. Dadurch kann Manipulation von außen (online) zu 100% ausgeschlossen werden. Selbst falls es jemandem gelingen sollte an die Abstimmungsdaten auf dem Zentralrechner zu kommen, hätte er nur folgende Informationen zur Verfügung:

Rechner a, verbunden über Steckplatz b, hat um 14:52 bei Frage 20 mit Ja gestimmt.

Die Anonymität kann also mit diesen Daten nur gebrochen werden, wenn zusätzlich in Erfahrung gebracht wird, welche Person um 14:52 Rechner a bedient hat. Dazu wäre es aber erforderlich herauszufinden, wohin das Kabel von Steckplatz b führt. Diesen Umstand kann man sich zunutze machen, indem alle 385 Kabel einige Meter vor dem Zentralrechner zu einem Strang gebündelt werden. Danach sollte ein etwa 2m langes blickdichtes Schlauchtuch über diesen Strang gezogen werden, bevor die Kabel in die Steckplätze gesteckt werden. Nun wird die mit dem Tuch verdeckte Stelle etwas verdreht und schon kann niemand mehr durch bloßes schauen ein Kabel vom Zentralrechner bis zum Notebook zurückverfolgen. Zusätzlich können die Kabel in jeder Pause am Zentralrechner umgesteckt werden.

Aufwand für Parteimitglieder:

Ungefähr 500 Parteimitglieder müssten sich pro Wochenende beteiligen. 385 würden abstimmen und die anderen sich um die Auszählung der Stimmzettel und andere Aufgaben kümmern.

Bei 50 Parteitagen pro Jahr würden sich abhängig von der Anzahl aller Parteimitglieder ungefähr folgender durchschnittliche Aufwand ergeben:

25.000 Mitglieder → durchschnittlich eine Teilnahme pro Jahr

100.000 Mitglieder → durchschnittlich eine Teilnahme alle vier Jahre

400.000 Mitglieder → durchschnittlich eine Teilnahme alle 16 Jahre

Der durchschnittliche zeitliche und finanzielle Aufwand pro Mitglied wäre mittel- bis langfristig gering.

Finanzierung:

Ich gehe ungefähr von folgenden Kosten aus:

Halle 1.000.000€

Notebooks neu für 300€ pro Stück → 120.000€

Übrige Technik (Zentralrechner, Kabel, Kameras usw.) → 880.000€

3.000.000€ für die Einrichtung

Insgesamt 5.000.000€

Durch zweckgebundene Spenden sollte genügend Geld zusammenkommen.

Oder 25.000 Mitglieder zahlen 5 Monate lang einen monatlichen Sonderbeitrag in Höhe von 40€.

Vorteile:

  • durchschnittlicher Aufwand pro Parteimitglied gering

  • Repräsentativ

  • Manipulationssicher

  • Anonyme Abstimmungen

  • Nachvollziehbarkeit

  • 50mal soviel Zeit wie andere Parteien, um auf Parteitagen den Parteikurs zu bestimmen

  • es kann zeitnah über innerparteiliche Probleme abgestimmt werden

  • es ist ausbaufähig, dazu vielleicht später mehr

Nachteile:

  • pro Parteimitglied 5 Monate lang 40€ monatlich (wenn Spenden dazukommen deutlich weniger, vielleicht nur 20€ monatlich)

Bisherige Kritik:

  1. Delegiertenparteitage verstoßen gegen die Satzung der Partei dieBasis (einigen von denen habe ich meinen Vorschlag schon gezeigt)

Entgegnung:

§ 27 erlaubt die Änderung der Satzung. Da über meinen Vorschlag sowieso auf einem Bundesparteitag abgestimmt werden müsste, könnte die Satzung gleich mitgeändert werden.

  1. Briefwahlen wären weniger aufwendig

Entgegnung:

  • bei 100.000 Mitgliedern würden bei 50 Briefwahlen pro Jahr allein Portokosten in Höhe von mindestens 4.000.000€ anfallen, außerdem wären Briefwahlen bei weitem nicht so sicher

  • bei 400.000 Mitgliedern mindestens 16.000.000€ Portokosten

  1. Mein Vorschlag sei komplizierter als eine Briefwahl

Entgegnung:

  • Mein Vorschlag wäre genauso kompliziert wie ein herkömmlicher Parteitag = nicht zu kompliziert

  • Briefwahl wäre bei gleichem Umfang (50x pro Jahr) viel zu teuer und viel unsicherer

Erhöhung der Zuverlässigkeit bei digitaler Abstimmung:

Bis zu einer Gesamtgruppengröße von 4.000.000 kann das Konfidenzniveau von 95% auf 99% bei einer Fehlerspanne von 5% erhöht werden, indem über eine Frage auf dem darauffolgenden Parteitag eine Woche später erneut abgestimmt wird. Dadurch wird die Stichprobengröße von 385 auf 770 erhöht.

Bei der Bundestagswahl 2021 am 26.8.2021 darf ab dem 3.8.2021 per Briefwahl gewählt werden. Es werden also alle Stimmen innerhalb eines Zeitraums von 8 Wochen gezählt. Deswegen sollte es bei meinem Vorschlag erlaubt sein, Abstimmungen über ein- und dieselbe Frage über 8 aufeinanderfolgende Parteitage zu strecken.

Damit könnte eine Stichprobegröße von 3080 erreicht werden.

Eine Stichprobengröße von 1.849, das wäre weniger als bei 5 aufeinanderfolgenden Parteitagen erreicht werden kann, genügt, um bis zu einer Gesamtgruppengröße von 4.000.000 bei einem Konfidenznniveau von 99% die Fehlerspanne auf 3% zu senken. Weiter könnte die Fehlerspanne innerhalb von 8 Wochen nicht gesenkt werden.

Erläuterungen zu Stichprobengröße, Konfidenzniveau, Fehlerspanne und Grundgesamtheit anhand eines Zahlenbeispiels:

Eine Stichprobe von 385 bei einer Grundgesamtheit von 1.000.000 Parteimitgliedern ist groß genug, um bei einem Konfidenzniveau von 95% und einer Fehlerspanne von 5%, Aussagen über die Grundgesamtheit zu treffen. Was bedeutet das genau?

Wenn die Stichprobe von 385 eine Frage zu 65% mit Ja und zu 35% mit Nein beantwortet, bedeutet das, dass die Grundgesamtheit die selbe Frage mit einer Wahrscheinlichkeit von 95% zu 60% bis 70% (65% ± 5% Fehlerspanne) auch mit Ja beantwortet hätte. Mit einer Wahrscheinlichkeit von 5% hätte die Grundgesamtheit mit unter 60% oder über 70% auch mit Ja gestimmt. Da bei vielen Abstimmungen eine einfache Mehrheit (mehr als 50%) ausreicht, sollte eine andere Wahrscheinlichkeit, die über 95% liegen muss entscheidend sein. Und zwar die Wahrscheinlichkeit mit der die Grundgesamtheit die selbe Frage zu über 50% auch mit Ja beantworten würde.

Diese Wahrscheinlichkeit für eine über 50%ige Zustimmung der Grundgesamtheit wird umso größer je größer die Zustimmung der Stichprobe ausfällt.

Leider weiß ich nicht wie diese Wahrscheinlichkeit berechnet wird. Ich habe schon einen Statistiker kontaktiert, der es aber auch nicht wusste. Falls jemand von euch einen Statistiker kennt, würde ich mich über Kontaktvermittlung freuen.

Mein telegram-Kanal heißt: DirekteDemokratie

E-Mail-Adresse: direktedemokratie@posteo.de

Bitte kritisiert meinen Vorschlag und teilt mir am Besten hier eure Meinung mit.

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Und ist fast jedes Mal (zumindest in letzter Zeit) nicht wirklich korrekt, insbesondere, wenn es eng wird. Von daher gesehen, leider keine probate Alternative.

Gruß
Andi

Wahlprognosen sind schon recht genau, aber sie haben zwei Schwächen:

  1. eine echte Zufallsauswahl findet nicht statt, sondern nur eine Annäherung. Für eine echte Zufallsauswahl müssten Marktforschungsinstitute eine Liste aller Bürger haben. Da sie das nicht haben, müssen sie sich mit einer Annäherung zufrieden geben.
  2. Nicht alle Befragten anworten oder sie könnten absichtlich lügen. Dadurch entsteht etwas Unsicherheit bei den Prognosen.

Beides trifft auf meinen Vorschlag aber nicht zu.

Ohne die Vor- und Nachteile näher angesehen zu haben, meine hauptsächliche Kritik: Es ist nicht mit dem Parteiengesetz zu vereinbaren, so einen Parteitag, oder auch nur einen allgemeinen Parteiausschuss abzuhalten.

Gruss, Lothar

Das Parteiengesetz schreibt einen Mitgliederparteitag oder einen Parteitag mit gewählten Delegierten vor (mindestens ein Mal in zwei Kalenderjahren), das stimmt. Aber das Parteiengesetz verbietet an keiner Stelle zusätzliche randomisierte Delegiertenparteitage, die zur innerparteilichen Meinungsbildung dienen.

Es wäre dann aber kein Parteitag, sondern eine sonstige Veranstaltung (Parteitag ist im PartG definiert).

Zur Meinungsbildung braucht es keinen Parteitag, da braucht es eine Diskussionsmöglichkeit :wink:

Und falls Du Willensbildung meinst: So ein konstrukt hätte dann ziemlich eingeschränkte Entscheidungskompetenz, da Vorstandswahl, Satzung und Programm einem Parteitag vorbehalten sind. Auch ansonsten darf so ein Konstrukt keine allgemeine Entscheidungsbefugnis haben, weil es sonst als allgemeiner Parteiauschuss gilt, und damit die Zusammensetzung dem PartG entsprechen muss. Und für ein bisschen BlaBla so einen Aufwand zu treiben… :wink:

Gruss, Lothar

Parteiengesetz
§ 8 Organe
(2) Die Satzung kann weitere der Willensbildung des jeweiligen Gebietsverbandes dienende Einrichtungen (Organe) vorsehen. Sie sind in der Satzung ausdrücklich als solche zu bezeichnen.

  1. könnten randomisierte Delegiertenparteitag die gleiche Funktion wie Liquid Democracy bei euch übernehmen. Mit dem Unterschied, dass dort tatsächlich geheim und nachvollziehbar abgestimmt werden könnte.
    Welche Rolle sollte Liquid Democracy innerhalb der Piratenpartei Deiner Meinung nach spielen? Und wie hat die Piratenpartei Liquid Democracy mit dem Parteiengesetz in Einklang gebracht?
  2. randomisierte Delegiertenparteitage könnten erarbeiten, worüber auf regulären Parteitagen abgestimmt werden soll. Das wäre meiner Meinung nach schon eine große Hilfe. Wie willst Du mit 100.000 Parteimitgliedern denn sonst diskutieren? Im Verlauf von Diskussionen müssen doch auch Bewertungen vorgenommen werden, sonst dreht man sich bloß im Kreis und kommt nicht voran.
  3. Diese Idee hatte ich erst gerade eben, dank Dir:
    Bei der Wahl von Delegierten für Parteitage wird einfach vorher ein Parteimitglied ausgelost. Wenn anschließend dieses ausgeloste Parteimitglied auch gewählt wird, würde dieser Vorgang dem Parteiengesetz nicht widersprechen. Es steht ja nirgends, dass die Wahl von ausgelosten Parteimitgliedern verboten ist. Vielen Dank!

Zu 1: Keine. Getestet und für schlecht befunden :wink: Daher hat es sich ja auch nicht durchgesetzt. Und der Basisentscheid, der von der Konstruktion her deutlich vernünftiger ist, zögert sich ja leider noch hinaus.
Zu 2: Fachausschüsse/AGs zufällig zusammensetzen ist ziemlich witzlos, weil dann das Fachwissen fehlt. Die sind aber das wichtige Konstrukt, um Fachthemen vorzubereiten. Und allgemeine Meinungsbildung ist im gleichen Kreis wichtig, der auch für die Willensbildung zuständig ist.
Zu 3. Natürlich kann man ein $Random Mitglied zur Wahl vorschlagen, aber man darf neimanden dazu verpflichten, diese Person auch zu wählen :wink:

Gruss, Lothar

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zu 1: Wie wollt ihr Basisentscheide umsetzen? Briefwahl? Dazu habe ich ja oben schon etwas geschrieben, kann man ein oder zweimal pro Jahr machen, darüberhinaus wird es teuer und die Wahlbeteiligung wird deutlich sinken.
zu 2: Fachausschüsse/AGs sollen auch nicht zufällig zusammengesetzt werden, sondern hätten dann (bei 50 Parteitagen pro Jahr) endlich genügend Zeit ihre Vorschläge auf einer Bühne auszudiskutieren und repräsentativ von der Parteibasis bewerten zu lassen. Auf normalen Parteitagen findet ja nichts statt, was die Bezeichnung Diskussion verdient hätte, weil einfach nicht genug Zeit vorhanden ist. Ein ganzer Parteitag könnte einem Thema (z.B. Rente) gewidmet sein. Ich würde dann auch externe Experten und sogar Experten anderer Parteien einladen. Nicht-basisdemokratische Parteien sollen ja überflüssig werden.
zu 3: Die etablierten Parteien haben jahrzehntelang Fraktionszwang zu ihren Gunsten eingesetzt. Dann darf es auch erlaubt sein etwas Gruppenzwang zum Wohle der Demokratie anzuwenden. Wen es stört, dürfte sich ja einer anderen Partei anschließen.

Zu 1) Alles, was nicht zwangsweise Geheim stattfinden muss, kann elektronisch gemacht werden.
Zu 2) Dazu braucht es keine Parteitage, auch keinen Ersatz für Parteitage, sondern sonstige Veranstaltungen, die auch nichts entscheiden müssen. Dazu wäre es wichtig, möglichst viele Mitglieder zu beteiligen (und sei es nur im Stream).
Zu 3) Weil es andere das Grundgesetz “etwas dehnen”, sollen wir uns von demokratischen Entscheidungsprinzipien abwenden, und wem das nicht passt, kann gehen? Danke, aber danke nein.

In einer neuen Partei, wie der Piratenpartei, kann man ja vieles ausprobieren und alles ist ein wenig übersichtlicher.
Das hat gewisse Vorteile, da wir als Mitglieder viel näher dran sind und vieles deutlich transparenter ist.

Fazit:
Das eigentliche Grundproblem der Demokratie liegt im mangelnden Verständnis, dass Politik keineswegs das Ergebnis von Abstimmungen ist, sondern persönliches Engagement verlangt.

Nur wer sich mit Themen, Personen und Abläufen beschäftigt kann einen sinnvollen Beitrag leisten um staatliche Regulierungen im Sinne der Bürger zu gestalten.

99,9% der Bevölkerung hat dazu keine Lust, obwohl wir die technischen Möglichkeiten der Transparenz hätten.

Das Ergebnis ist schlechte Politik und etwas anderes hat die Bevölkerung auch nicht verdient, da sie schlechte Demokraten sind.
Der logische Zusammenhang sollte irgendwann einmal auch verstanden werden.

Das Ergebnis wird keinen Millimeter besser, wenn Unwissende, Unkundige und Unwillige direkt abstimmen können.
Im Gegenteil.
Da ist ja das alte System von CDU, CSU, SPD und FDP besser.

Demokratie ist keineswegs über jeden Mist abstimmen zu können und lobbyistische Forderungen zu stellen, sondern gesamtgesellschaftliche Verantwortung zu tragen.

Und dies setzt voraus, dass man sich informiert.

Es gibt keinen Klimaschutz, da niemand Bock hat, sich objektiv damit auseinanderzusetzen und nur eine Auseinandersetzung um Ideologien geführt wird.

Und so ist das in vielen anderen Bereichen.
Die Bürger stimmen ab und haben inhaltlich nicht die geringste Ahnung.

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zu 1: Ich fürchte, dass die Beteiligung bei eurem neuen online-Tool ähnlich niedrig ausfallen wird wie bei Liquid Democracy.
zu 2: Zeig mir mal einen Stream in dem 100 Mitglieder etwas ausdiskutiert haben.
Was Du forderst, habt ihr seit über 10 Jahren nicht erreicht. Deswegen sollte mal etwas neues ausprobiert werden. Ihr habt doch bei Liquid Democracy schon gemerkt, dass sich nur eine kleine Minderheit aktiv beteiligt. Die meisten haben einfach nicht genügend Zeit und Lust ihre Freizeit für Politik zu opfern. Bei meinem Vorschlag wird der durchschnittliche Aufwand pro Mitglied minimiert und die Arbeitsteilung maximiert.
zu 3: Welches demokratische Entscheidungsprinzip wird durch die Wahl von ausgelosten Vertretern verletzt?

Ich habe mir mal euren Basisentscheid angeschaut.
A1: Online-Abstimmung wäre nicht geheim und ist damit als Wahlinstrument unbrauchbar und es wäre auf Dauer mit einer niedrigen Beteiligung zu rechnen.
A2: Die Sicherheit eurer online-Abstimmung kann von 99% der Bevölkerung nicht beurteilt werden. Das sieht bei meinem Vorschlag anders aus.
A3: Was meint der Chaos Computer Club zu eurem online-Abstimmungstool?
B1: Dezentrale Urnenabstimmung hat die gleiche Schwäche wie Briefwahl. Wenn die Partei groß wird, wird der durchschnittliche Aufwand pro Mitglied bei vielen Abstimmungen zu groß. Kann man ein oder zweimal pro Jahr machen.
B2: Die dezentrale Urnenabstimmung könnte eine sinnvolle Ergänzung zu randomisierten Delegiertenparteitagen sein. Ich würde sie aber auf maximal 4 Mal pro Jahr beschränken.

Ich suche jemanden, der bei eurem nächsten Bundesparteitag meinen Vorschlag der randomisierten Delegiertenparteitage vorstellt und rechtzeitig als Antrag einrecht.

Da gebe ich Dir recht. Natürlich müssen die Abstimmenden verstehen, worüber sie abstimmen sollen und natürlich kann das realistischerweise nicht erreicht werden, weil einfach zuviel Wissen angeeignet werden müsste.
Mangelnde Lust ist ein Grund, viele haben aber einfach keine Zeit, weil sie berufstätig sind und Partner, Kinder und Freunde haben.

Genau dafür bietet doch mein Vorschlag eine Lösung an. Bei 100.000 Mitgliedern müsste jedes Mitglied im Durchschnitt nur alle 4 Jahre einen Parteitag besuchen. Die Vertreterwahl kann ein Jahr im voraus stattfinden und das Hauptthema des Parteitags zwei Monate oder noch früher im voraus festgelegt werden. Dann könnten sich die Mitglieder mithilfe der AGs darüber informieren und könnten viel bessere Entscheidungen treffen.

Beim alten Delegiertensystem wie es von CDU, CSU, SPD und FDP praktiziert wird, wird zuviel in Hinterzimmern entschieden. Der Personenkreis, der beeinflusst werden muss, bleibt so klein, dass es auch gemacht wird. Die Führungsebene setzt ihre Agenda durch und die Delegierten werden mit Pöstchen und Listenplätzen belohnt.
Das halte ich nicht für besser.

Und wo soll der Vorteil Deines Systems liegen, wenn repräsentativ ausgewählte Personen abstimmen, aber nicht wissen, worüber sie abstimmen?

Das scheint zur Zeit so eine Zauberantwort auf die Kritik am politischen System zu sein.
Ist es aber nicht.
Beispiel Klima

Konzept 1:
Er habe Respekt vor der Arbeit des Bürgerkonvents, aber “man kann nicht sagen, nur weil 150 Bürger etwas aufgeschrieben haben, sei es nun die Bibel oder der Koran”, so Macron weiter.

Konzept 2:

https://buergerrat-klima.de/wer-ist-teil-des-buergerrat-klima/kuratorium

Ein wissenschaftliches Kuratorium berät zufällig ausgewählte Personen, die dann entscheiden sollen.
Was wird denn wohl das Ergebnis sein?
Das Problem ist doch wieder, Personen, die nicht in der Lage sind, sich unabhängig zu informieren, treffen eine Entscheidung und das soll dann die Bürger repräsentieren.

Beispiel 3:
Die 49
https://www.zeit.de/gesellschaft/2021-06/die-49-bundestagswahl-mini-public-corona-politik-diversitaet-demokratie
Eine repräsentative Menge der Bevölkerung bekundet ihre Meinung.

Sorry, aber so funktioniert Demokratie nicht und braucht sich niemand beschweren, dass es so ist, wie es ist.
Und der Ansatz, es würde alles besser, wenn man die Leute doch nur befragen würde und die alles entscheiden könnten, ist schlichtweg falsch.

Gute Politik gibt es dann, wenn Menschen sich engagieren und die dann auch die Entscheidung treffen und zwar über die Themen, von denen sie auch eine Ahnung haben.
Alles andere ist und bleibt selbstverschuldeter Murks.

Bei deinen Beispielen besteht die Grundgesamtheit aus der Bevölkerung. Die Bevölkerung hat einen Durchschnitts-IQ von 100, dann haben diese Stichproben auch nur einen durchschnittlichen IQ von 100. Der durchschnittliche IQ in der Piratenpartei sollte deutlich höher sein. Ich würde ihn auf mindestens 115 schätzen. Allein dadurch sollten auf randomisierten Delegiertenparteitagen bessere Entscheidungen getroffen werden.

“Und wo soll der Vorteil Deines Systems liegen, wenn repräsentativ ausgewählte Personen abstimmen, aber nicht wissen, worüber sie abstimmen?”

Lies Dir nochmal meine vorige Antwort durch. Bei meinem Vorschlag wüssten die Teilnehmer von Parteitagen Monate im voraus, welches Hauptthema der Parteitag hätte. Dann hätten sie wenigstens genügend Zeit, um sich darauf zu spezialisieren. Woher sie ihre Informationen beziehen sollten, ist ein extra Thema. Darüber will ich hier erstmal nicht diskutieren. Jedenfalls wäre das besser als das, was hier und in anderen Parteien passiert. Könnte trotzdem nicht ausreichen, aber das kann letztendlich nur durch ausprobieren herausgefunden werden. Durch Diskussion kann das nicht beantwortet werden.

Du hast dabei stets das Problem, das Parteimitglieder über Themen abstimmen wollen oder sollen, die sie gar nicht interessieren.

Gute Entscheidungen werden auf der Grundlage von natürlichen Autoritäten und glaubhaften Quellen getroffen.
Wer abstimmt ist völlig irrelevant, sofern diejenigen, die abstimmen, bereit sind, sich mit Fakten auseinanderzusetzen und diese auch akzeptieren.

Das ist halt so in einer Demokratie. Durch welche Staatsform sollte sie ersetzt werden?

Randomisierte Parlamente wären eine geeignete Übergangslösung auf dem Weg von der parlamentarischen zur direkten Demokratie. Für Parteien sind sie nicht aussagekräftig. Gerade bei den Piraten dürfte es fast so viele Meinungsströmungen wie Mitglieder geben. Bei der CDU wären sie ein Fortschritt, aber sind (deshalb) dort nicht erwünscht.

Das ist in einer Demokratie nur so, wenn man den Bürgern nicht klar mitteilt, dass das Ergebnis von Politik das eigene schwachsinnige Verhalten ist.

Bei anderen Staatsformen können sie mit dem Finger stets auf andere zeigen, in der Demokratie zeigt der Finger auf sie selbst.
So hat man sich stets durch die Geschichte gemogelt, immer die anderen waren Schuld, man selbst war fehlerfrei.
Und die Idee, wir suchen uns da eine repräsentative Gruppe aus, der wir dann das eigene Versagen zuordnen, ist auch kein vernünftiger Lösungsansatz.

Randomisierte Parlamente werden ohne Druck bestimmt nicht entstehen. Wann würde signifikanter Druck entstehen? Wenn eine Partei erfolgreich vormachen würde, dass randomisierte Delegiertenparteitage gut funktionieren können.
Wer randomisierte Parlamente anstrebt, sollte der Vernunft wegen Vorstufen dieses Ziels unterstützen.