Ostdeutsche Tendenzen der öffentlichen und privaten Meinungsäußerungen im Vergleich zur DDR

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Die «volkseigene Erfahrung» macht viele Ostdeutsche empfindlich und rebellisch: Warum die DDR in Deutschland plötzlich wieder zum Thema wird

Im Landtagswahlkampf im deutschen Osten beruft sich die AfD auf die friedliche Revolution von 1989. Diese steht im Zentrum der Debatte, was aus deren ideellem Erbe geworden ist und wer dieses vertritt. In den Gebieten der einstigen DDR gibt es historische Empfindlichkeiten, die man im Westen nur schwer verstehen will.

«Vollende die Wende», so prangt es auf der Startseite der AfD Brandenburg im Internet. Für die Landtagswahl am 1. September ruft die Partei, die gemäss Umfragen derzeit im Osten stärkste politische Kraft ist, zur «friedlichen Revolution mit dem Stimmzettel» auf. Auch Spitzenpolitiker der AfD wie Alexander Gauland vergleichen ihre politische Konkurrenz schon mal mit den DDR-Blockparteien, die Bundesregierung mit dem SED-Politbüro und die AfD mit dem Neuen Forum. Wie kommt es, dass die DDR, dreissig Jahre nach dem Mauerfall, plötzlich wieder zum Thema wird?

Folgt man der Nachrichtenredaktion der ARD, sind die Vergleiche der AfD «eine Frechheit» und «ein Schlag ins Gesicht der Mutigen von 1989» – so der aus Leipzig stammende Korrespondent Gábor Halász unlängst in den «Tagesthemen». Auch laut dem «Faktenfinder» der «Tagesschau» handelt es sich um «gezielte geschichtspolitische Verzerrungen». Überdies stammten die Spitzenkandidaten in Brandenburg und Thüringen aus dem Westen – und könnten deshalb, so die Botschaft, in Sachen DDR gar nicht mitreden. «Spiegel Online» zitiert verschiedene DDR-Bürgerrechtler, die sich «fassungslos» zeigen über die Kaperung der friedlichen Revolution.

Flucht in den Frontalangriff

Wie so oft beim Umgang mit der AfD scheint vielen Journalisten der Frontalangriff die einzig angemessene Reaktion zu sein. Dabei übersehen sie nicht nur, dass sie der nationalkonservativen Partei damit mehr nutzen als schaden. Sie ignorieren auch, dass die AfD Stimmungen zum Ausdruck bringt, die offenbar tatsächlich existieren. Wenn im Osten mehr als 20 Prozent der Wahlberechtigten erklären, die AfD wählen zu wollen, muss es dafür Ursachen geben. Aber welche?

Die Antwort auf diese Frage ist häufig kaum verhüllte Verachtung gegenüber «den» Ostdeutschen oder «den» Sachsen, die undankbar und grundlos den Pfad der politischen Tugend verlassen hätten. Die weniger Überheblichen reagieren mit einer Mischung aus Mitleid und Schmeichelei, wie bei einem schwer erziehbaren Jugendlichen. Laut dem «Tagesthemen»-Kommentator haben die anderen Parteien «den Osten zu oft allein gelassen». Auch die Bundeskanzlerin erklärte den Unmut der Ostdeutschen damit, dass die Wiedervereinigung für diese «zu harten Umbrüchen» geführt habe. «Tagesspiegel»-Kolumnistin Liane Bednarz forderte deshalb, der AfD-Rhetorik durch eine positive Betrachtung des im Osten Geleisteten Paroli zu bieten. Die Bundesregierung plant ebenfalls, bei den anstehenden Jubiläumsfeiern «das gemeinsame und gegenseitige Verständnis für die Leistungen zu fördern, die zur Wiedervereinigung geführt haben».

Ob diese Strategie zum Erfolg führt, ist zweifelhaft. Denn der Vergleich der heutigen Lage mit der in der DDR hat tiefere Ursachen. Es ist die «volkseigene Erfahrung», wie der Historiker Lutz Niethammer vor Jahren ein Oral-History-Buch zur DDR nannte, die viele Ostdeutsche empfindlicher und rebellischer auf bestimmte politische Entwicklungen reagieren lässt. Erstaunlicherweise gilt das nicht nur für diejenigen, die die DDR bewusst miterlebt haben, sondern auch für einen Teil ihrer Kinder.

Da ist zum einen die Abgehobenheit der politischen Klasse, die viele Ostdeutsche an früher erinnert. Angela Merkel ist bald genauso lange im Amt wie Erich Honecker, über elf Millionen Bundesbürger haben nur diese eine Kanzlerin erlebt. In der Praxis, so empfinden es viele, entscheidet nur eine kleine Gruppe von Politikern über die Geschicke der Bundesrepublik – oft genug, ohne sich um die Vorstellungen grosser Bevölkerungsteile zu kümmern. Wer die Welt nur aus der Perspektive des postmaterialistischen Milieus in den Grossstädten betrachtet, muss sich nicht wundern, wenn sich viele Ostdeutsche auf dem Lande darin nicht wiederfinden.

Der altbekannte Haltungsjournalismus

Schon zum 25. Jahrestag der Wiedervereinigung hat der Richter am Bundesverfassungsgericht, Peter M. Huber, vor einer zunehmenden Selbstreferenzialität des politischen Systems in Deutschland gewarnt. Das Wahlrecht, die Ausgestaltung der Politikfinanzierung, das Fehlen direkter Demokratie auf Bundesebene und die Organisationsstrukturen der politischen Parteien verstärkten die Sprachlosigkeit zwischen Bürgern und Politik. «Auch die inhaltliche Annäherung der grossen Parteien nimmt dem Wähler die Möglichkeit zur Einflussnahme. Wo es keine Alternativen gibt, gibt es auch keine Wahl.» Das kennen viele Ostdeutsche aus der Vergangenheit.

Verstärkt wird die Entfremdung zwischen Volk und Regierung durch das Agieren der Medien, vor allem der öffentlichrechtlichen. In seinem Buch «Zur Sache, Deutschland» ist der Journalist Jochen Bittner unlängst mit seinen Kollegen ins Gericht gegangen. Am Beispiel des Redaktionsleiters der WDR-Sendung «Monitor», Georg Restle, beschreibt er «das zunehmende Bedürfnis vieler Journalisten, der Öffentlichkeit zu beweisen, wo sie politisch stehen» [Twitterisierung!]. Dem hält er entgegen, dass die im Grundgesetz verankerte Freiheit der Berichterstattung die Presse auch dazu verpflichte, «die in der Gesellschaft und ihren Gruppen unaufhörlich sich neu bildenden Meinungen und Forderungen kritisch zusammenzufassen». Im Klartext: Neue Parteien müssen in gleicher Weise Gehör finden wie alte.

Der Haltungsjournalismus stösst im Osten Deutschlands auf besonders empfindliche Ohren. Zu gut ist den Älteren noch die «Rotlichtbestrahlung» der DDR-Medien in Erinnerung. Überschriften wie «Flüchtlinge könnten Wirtschaftswunder bringen» erinnern manchen an die Schlagzeilen über Produktionserfolge im SED-Zentralorgan «Neues Deutschland». Das ständige Bemühen, den Ostdeutschen zu sagen, was sie zu denken oder zu wählen haben, führt wie einst in der DDR zur Flucht vor der Berieselung, nur dass heute die sozialen Netzwerke die Rolle des Westfernsehens übernommen haben. Selbst wenn sämtliche Journalisten Bittners Appell folgen würden, die «Fahnen runterzunehmen», dürfte es lange dauern, das verloren gegangene Vertrauen in ihr Bemühen um Objektivität wieder aufzubauen.

Aufpassen, was man sagt

Politik und Medien tragen auch die Hauptverantwortung dafür, dass in Deutschland immer mehr Menschen Angst haben, offen ihre Meinung zu sagen. Laut einer Allensbach-Umfrage hatten 45 Prozent der Befragten im November 2015 den Eindruck, man müsse vorsichtig sein, wenn man sich zur Flüchtlingsfrage äussere. Im Mai 2019 hatten bereits zwei Drittel der Befragten das Gefühl, man müsse im öffentlichen Raum «sehr aufpassen», was man sage. Neben der Flüchtlingsfrage wurden jetzt auch die Themen Nationalsozialismus, Juden, Rechtsextremismus, Patriotismus, Homosexualität und die AfD als angstbesetzt benannt. Die Aggressivität und Intoleranz im politischen Diskurs erinnert zuweilen fatal an DDR-Verhältnisse, nur dass der Druck jetzt nicht nur von oben kommt, sondern auch von der Seite durch manche Journalisten und von ihnen gehypte Minderheiten.

Die Umfrage brachte auch zum Vorschein, dass die Bevölkerung inzwischen deutlich zwischen Meinungsäusserungen im öffentlichen Raum und im privaten Kreis trennt – ein Phänomen, das viele Ostdeutsche ebenfalls nur allzu gut aus der DDR kennen. Auch dort sahen sich die meisten genötigt, an der Schule, in der Universität oder im Betrieb anders zu reden als zu Hause. Vor besonderen Schwierigkeiten standen dabei diejenigen, die Kinder hatten. Wenn der Lehrer in der Schule scheinbar harmlos fragte, ob die Uhr im Fernsehen Punkte oder Striche hatte, konnte er damit feststellen, ob die Familie Westfernsehen schaute. Im schlimmsten Fall landete die Antwort beim Staatssicherheitsdienst. Von dieser Angst, am Mittagstisch offen mit seinen Kindern zu reden, weil «sich die Kleinen in der Schule verplappern könnten», sprach jetzt auch der thüringische Spitzenkandidat Björn Höcke beim Wahlkampfauftakt der AfD in Cottbus unter dem Beifall seiner Anhänger.

Angst hielt die überwiegende Mehrheit der DDR-Bewohner auch lange Zeit davon ab, sich gegen die SED-Diktatur aufzulehnen. Die wenigen Unerschrockenen – nach Stasi-Analysen etwa 2500 Menschen – wurden zumeist überwacht, schikaniert, verhaftet oder aus dem Lande gegrault. Die Staatsmedien verunglimpften sie als «Konterrevolutionäre», «Agenten» oder «feindlich-negative Elemente» – wenn sie überhaupt darin Erwähnung fanden.

Der rabiate Umgang mit der AfD erinnert viele Ostdeutsche deshalb an alte Zeiten. Wenn der Bundestag der grössten Oppositionspartei beharrlich einen Posten als Vizepräsident verweigert, bestärkt er selbst den Eindruck, er sei bereits «gleichgeschaltet» mit der DDR-Volkskammer. Auch die Entscheidung des Verfassungsschutzes, die AfD stärker zu überwachen, aktiviert im Osten sofort die Erinnerung an die Stasi. Die Behinderung ihrer Veranstaltungen durch Gegendemonstranten, die Nichtzulassung ihrer Kandidaten in Sachsen, die Forderung prominenter Politiker, die AfD zu verbieten oder einzelnen Personen ihre Grundrechte zu entziehen – all dies gerät im Osten automatisch in den Kontext der DDR-Vergangenheit. Wie das Beispiel der PDS gezeigt hat, wird die AfD durch solche Massnahmen aber nicht schwächer, sondern stärker, weil viele Ostdeutsche sich dadurch motiviert fühlen, endlich den Widerstand zu leisten, zu dem sie in der DDR nicht den Mut hatten.

Schon dieser Tatsache ist zu entnehmen, dass die heutige Bundesrepublik keine DDR 2.0 ist – wie in den sozialen Netzwerken gerne behauptet wird. Aber es gibt Entwicklungen, die den fundamentalen Unterschied zwischen damals und heute verkleinern und die deshalb jeden Demokraten aufhorchen lassen sollten. Den wahrscheinlichen Wahlsieg der AfD bei den Landtagswahlen im Osten kann man deshalb auch als Weckruf begreifen: dass Politik und Medien aus ihren Fehlern lernen und sich, wie nach dem Sturz der SED-Herrschaft, der Sorgen der Menschen wieder annehmen.

Hubertus Knabe ist Historiker und war langjähriger Direktor der Gedenkstätte im ehemaligen Stasi-Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen.

Bitte nicht irgenwelche ellenlange Texte hier vollständig reinkippen, sondern “Zitieren”.

Ist genauso schlimm, wie der Hinweis, man möge sich stundenlange Videos ansehen, da irgendein Experte irgendetwas meint.
Reine Zeitverschwendung.

Zum Inhalt:

a) Alle etablierten Parteien und Personen in D, die sich einen Millimeter konservativiere Meinungen vertreten haben, verloren an Zustimmung.

b) gilt auch für Piratenpartei, deren Strategie der Parteivorsitzenden es seit dem BPT in Halle war:

Wer, wie die ehemalige Führung der Piratenpartei, direkte Demokratie zurückdrängt und Alleinvertretungsrecht via “Fokussierung und Straffung” vertritt, der verliert den Zugang zu den Bürgern.
Weg mit Gliederungen, Stammtischen, Infoständen, Programm, AGs, Plakaten, Mailinglisten, Foren etc. geht nicht spurlos vorüber.

[quote=“arcsaber, post:1, topic:3851”]
Wo es keine Alternativen gibt, gibt es auch keine Wahl.
[/quote]
Das ist inzwischen auch der heilige Gral in der Piratenpartei, um “Streit” und “öffentliche Disharmonie” zu vermeiden. Der Bürger und die Mitglieder haben gar nicht mehr zu wählen, sondern sollen sich innerhalb der Vorgaben “von Oben” bewegen.
Deswegen müssen wir alles abstimmen und “ein für alle mal” wichtige Fragen beantworten.
Ohne, dass sich deshalb in irgendeiner Weise der Erfolg eingestellt hätte.
Macht ja nix, da man sich ja “ein für alle Mal” seine Meinung bildete und die ist unverrückbar.

Üblicherweise tue ich das ja, aber hier war der gesamte Artikel mMn lesenswert. :slight_smile: Wer nicht die fünf Minuten hat, um ihn zu lesen, soll es halt nicht tun.

mMn solltest Du mal so spannende Dinge wie den 275-seitigen Bericht der Kommission “Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung” lesen, um zu merken, warum Politik der etablierten Parteien wirklcih scheitert.

Ein tatsächliches Problem ist das Urheberrecht, du kannst nicht einfach den kompletten Artikel hier reinkopieren (selbst mit Nachweis) …

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Okay, das kann ich akzeptieren. Habe ein wenig nachgeforscht und theoretisch könnte ich nur Links droppen, dürfte nicht mal einen Teil des Beitrags zitieren, ohne selbst irgendwas dazuzuschreiben (wäre in meinem Fall eh nur fake, da ich euch die interessanten Infos geben will und nicht selbst irgendwas dazuschwätzen). :thinking: Das ist ja ziemlich langweilig.

Gibt es irgendwelche Erfahrungswerte, wie die Zeitungen damit umgehen?

Ok, ich habe mir jetzt den Artikel durchgelesen.

Ich finde aber der komplette Artikel hat die falsche Herangehensweise. Es wird sich viel zu sehr auf die Politik verkrampft und zu wenig gesamtgesellschaftliche Entwicklungen in den Fokus gerückt. So finde ich das Argument, dass man heute nicht mehr alles sagen dürfe absoluten Bullshit. Klar, kann man alles sagen, was nicht andere Menschen explizit abwertet oder diskriminiert. Wenn nun Menschen damit ein Problem haben bzw. den Gegenwind nicht vertragen können der ihnen dann, wenn sie gegen diese simpelste Regel verstoßen, entgegenkommt, dann finde ich das eine selbstgefällige Verleumdung eines konstruktiven politischen Diskurses.

Viele Leute schreiben schlaue Texte, aber wer nicht politisch verfolgt wurde dem ging es relativ gut.

Es gab ein Recht auf Arbeit, daher hatte praktisch jeder einen bezahlten Job.
Miete und Lebensmittel waren subventioniert, von dem Einkommen konnte man sogar Geld sparen.
Urlaub an Ostsee, Plattensee oder am Schwarzen Meer war bezahlbar.

In den letzten 30 Jahren haben viele Ostdeutsche selber oder bei Verwandten und Freunden erlebt, wie man plötzlich seine Ersparnisse los ist, arbeitslos wird und das Geld gerade mal so für Miete und Lebensmittel reicht. Den Luxus eines Urlaubs kann sich auch nicht mehr jeder leisten.
Viele stehen sich in der neuen Freiheit viel schlechter und die Abwanderung der Qualifizierten zu den Arbeitsplätzen im Westen macht die Situation nicht besser.

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Aber das liegt nicht direkt an der Parteiendemokratie, sondern an dem Modell des Neoliberalismus für das man sich Mitte der 80er Jahre in den westlichen Gesellschaften entschieden hat. Allen voran Thatcher und Reagan (später Kohl und Schröder in Deutschland). Und das waren eben nicht nur die Parteien, sondern auch die kleinen Leute und Bürger, die auf das Versprechen der Privatisierung gesetzt haben. So haben auch die DDR Bürger nach der Wende zum Großteil die CDU gewählt und selbst die SPD hat Anfang der 2000er Jahre ein neoliberales Privatisierungs- und Kürzungsprogramm (für das sie gewählt und medial “gefeiert” wurden) gefahren. Du hast dazu schon einen schönen Blog-Artikel in einem anderen Thema reingestellt.

Das was rechtspopulitische und rechtsextreme Parteien wie die AfD machen ist den politischen Diskurs zu vergiften und bis auf drölf Ausnahmen nicht konstruktiv.

Das Problem war einzig, dass diesem Staat das Geld ausgegangen ist und man sogar breit war, gegen Geld des Westens Reisefreiheit für seine Bürger zu gewähren.
Für die Gegenleistung Geld war man bereit alle politische Ziele über den Haufen zu werfen.
Und Gorbi hatte auch keine Lust mehr, den ökonomischen Unsinn zu finananzieren.
Zur Wahrheit der DDR gehört nunmal auch der Zustand des bevorstehenden Staatsbankrotts und die völlige Wertlosigkeit des Ersparten.
Jetzt mal völlig abgesehen von den Versorgungsengpässen und der kleinräumigen Überwachung und Gängelung.

Individuelle Entscheidung, Paperwork, Werbung, Links.
Im großen Stil geht es aber auf keinen Fall.
Normalerweise sollten Moderatoren solche Beiträge löschen.

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Das ist der für mich entscheidende Absatz, denn manche Überschriften in den Zeitungen erinnern schon sehr stark an damalige Zeiten.

Das trifft voll den Nerv. Für viele im Osten ist die Wende eben immer noch nicht abgeschlossen. Wen wundert es also, wenn 25-27% der Wähler denen hinterher laufen, die das versprechen? So wie Kohl 1990 die blühenden Landschaften versprach. Ein Versprechen das die Politik bis heute nicht in dem Maße erfüllt hat wie es versprochen war. Wer kannte denn “Die CDU”, die vom Osten 1990 in großer Mehrheit gewählt worden ist?

Natürlich rächt sich in gewisser Weise, dass der “Ossi” immer der Herde hinterher getrottet ist. Wahlen waren Wahlen und haben in der Tat nichts verändert. Und heute? Ändert sich etwas mit den Wahlen? Die einstmals versprochene Demokratie, die ja ach so besser sein soll, was kann sie bewirken? Das Gefühl der Ohnmacht ist in gewisser Weise geblieben. Einzig die Protagonisten mit ihren Fähnchen wurden ausgetauscht, der Grundtenor ist der gleiche geblieben. (Macht)

Und nun kommt eine AfD, die von jeder noch so kleinen Instanz - sei es Presse, andere Parteien, Privatpersonen, die Linke - versucht wird nach allen Regeln der Kunst zu verhindern. Koste es was es wolle. Es mag für die meisten schwer verständlich sein, das genau dieses “eintreten auf andere” zu genau diesen Reaktionen wie die zu wählen führt. Das “Recht auf Meinungsfreiheit”, so wie im Grundgesetz festgeschrieben, wird nur im Osten anders interpretiert. Aufpassen was man sagt, war in der DDR etwas ganz alltägliches. Diese Sozialisation die da stattfand, war nun mal eine ganz andere als man sie im Westen erfuhr. Am 03.10.1990 wo alles wegbrach, nichts mehr so war wie noch einen Tag zuvor, da war das Grundgesetz mit Artikel 5 die sprichwörtliche “Befreiung” vom alten System. Was diese “Freiheit” letztendlich aber wirklich bedeutete, hat man in der DDR nie gelernt. Wie denn auch?

Zudem, der Begriff “Freiheit” wird im Westen gänzlich anders bewertet. Dessen muss man sich bewusst werden. Im Osten gab es Freiheiten, die im Westen so niemals existierten. Wenn ich meinen Eltern sagen würde “Ihr seid nicht frei gewesen”, ernte ich lediglich lautes Gelächter. Die “Freiheit” war da nur eine andere. Der Osten war freier als man annehmen würde. Reisefreiheit, Geld scheffeln etc.pp. ist nämlich nicht alles.

Das alles vernünftig zu erklären würde an der Stelle aber zu weit führen. Nur eines noch. Wären die Vorzüge, die der Osten tatsächlich gehabt hat, das was der Osten in dieses Land an positiven Dingen mit eingebracht hat, wäre das etwas mehr in den Fokus gerückt worden, wäre vieles anders gelaufen. Wer Interesse hat, dem lege ich mal ans Herz sich diese 3 Dokumentationen anzusehen. Ja es braucht etwas Zeit, aber da sollte sich vieles von selbst erklären. Die Mentalität ist entscheidend, nicht die Definitionen.

Welche?

Doku 1/3 habe ich mir gerade angesehen. Im Gegensatz zur Nachwendezeit, bin ich heutzutage interessiert am Osten. Ich werd mir die Reihe komplett ansehen, die ist bestimmt noch sehr aufschlussreich. Aber ich rechne nicht damit, dass mir da die Frage beantwortet wird, was es im Osten für Freiheiten gegeben haben könnte, die hier nicht existierten. Von solchen Freiheiten hätte ich garantiert schon gehört.

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Am Osten verblüfft stets das Verdrängen und Verklären des völligen Scheiterns des Arbeiter- und Bauernstaates inklusive dem Anspruchs auf “blühenden Landschaften”. Ein Versprechen, das Helmut Kohl nicht nur dem Osten, sondern auch dem Westen gegeben hat, im Zuge einer ökononomisch völlig ungerechtfertigten Währungsunion, um dieses Land wiederzuvereinigen.
Jeder, der in die DDR fuhr, mußte Geld zwangsumtauschen, da die Ostmark absolut nichts wert war. Es ist bestimmt keine gute Idee des Ostens, Deutschland spalten zu wollen und den Arbeiter- und Bauernstaat inkusive seines Todesstreifens zu verklären.

Dieses Land wurde friedlich von Menschen im Osten und Westen wiedervereint und die Kritik an denen, die zu dieser Leistung beitragen und beigetragen haben, ist völlig ungerechtfertigt und menschlich enttäuschend.
Jede Stimme für die AfD ist eine Stimme, für die man sich schämen muß, vor dem Hintergrund der erbrachten Leistungen.

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Mal sehen, vielleicht reift ja die ein oder andere Erkenntnis. Wenn Du durch bist sag Bescheid. Ich finde es aber gut, dass Du Dir die Zeit nimmst. Danke.

Hmm, genau solche Sprüche führen zu fatalen Folgen. Für Dich habe ich noch einen ganz speziellen Beitrag: Beutezug Ost. https://programm.ard.de/TV/Programm/Sender/?sendung=2872514062771641

Im Osten existierte nichts an Wert? Du solltest tatsächlich mal aufhören Menschen und ihr Leben, mit einer Gesellschaftsform in der sie lebten, durcheinander zu würfeln. Das eine hat mit dem anderen nämlich nichts zu tun.

Ein kleines, praktisches Beispiel was Freiheit auch sein kann - Verantwortung tragen. Ich bin jedes Frühjahr (ich war damals 8) mit meinem Bruder und seinen Freunden losgezogen und wir haben ca. 50km Wanderwege repariert, die im Winter sowie mit den Frühjahrssturzbächen beschädigt worden sind. Wir haben Holz im Wald geschlagen um damit weggerissene Brücken zu reparieren bzw. zu erneuern. Es gab keinen Auftrag dazu, die haben es einfach gemacht. Der beste Freund von meinen Bruder war der Sohn vom Jugendherbergsleiter. Damit die Wanderwege von und zur JH frei waren, sind sie einfach losgezogen. Hatte der Hausmeister mal Urlaub, haben sich die Drei gekümmert, das die Heizung lief. War der Chef mal nicht da, haben sie die JH für den Zeitraum selbst geschmissen. Da waren die 16/17.

Verantwortung für andere übernehmen, einfach so, weil es Spaß machte. Weil man sich “gebraucht” fühlte. Leider kam ich nicht mehr in den Genuss meinen Führerschein mit 13 Jahren machen zu können. Mit 14 wurde der dann an dich ausgegeben. Damit durfte man Traktor und Moped fahren. Beides ist intensiv genutzt worden. In der Ferienarbeit zum Beispiel. In der Zeit wurde man eben nicht ausgebeutet, wie es hierzulande üblich ist. Ferienarbeit hat sich damals noch gelohnt. 4 Uhr Frühschicht, Kühe melken. Ganz normaler Job, mit den Facharbeitern zusammen im Melkstand. Beide bekamen den selben Lohn.

Für Dich mögen das keine “Freiheiten” sein, in der DDR waren das ganz gewiss welche. Da war man auch recht “frei” von der Gier nach Geld. Geld war zwar notwendig, spielte aber eine untergeordnete Rolle.

Der “Mangel” von Dingen bedeutet genau nicht, nicht frei sein zu können. Es kann auch das Gegenteil bedeuten, Frei sein. Ich weiß, das ist schwer zu verstehen. Weil Freiheit auch ein Emotionaler Zustand sein kann. Emotionen lassen sich halt schwer greifen, erklären.

Suche einfach mal nach dem oben verlinkten Beitrag “Beutezug Ost”. Ich empfehle Dir, nein ich bitte dich, schau ihn Dir an.

Nur eines noch, mache nicht und niemals Menschen die da gelebt haben für die Mauer oder sonstiges verantwortlich. Sie haben auch damit leben müssen. Auch hat ein Zwangsumtausch nichts mit den Menschen da zu tun. Du wirfst Dinge zusammen, die nichts miteinander zu tun haben. Denn im Gegenzug könnte man Dich dann auch für den Nato-Doppelbeschluss, die Aufrüstung oder heute für die Massenhafte Überwachung, das erstarken der Rechten usw. verantwortlich machen. Alles Dinge die “In Deinem Land passieren”, wenn ich mal die Form Deiner Argumentation benutze, mit der Du mir die Fehler aus dem System aus dem ich komme, um die Ohren werfen willst.

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In Deutschland kannst du heute noch damit anfangen diesen Mangel zu leben. Du kannst auch ohne Mauer xxJahre auf eine Auto warten und einfach aufs Reisen verzichten. Und wärst damit ganz vorne, was z.B. dies cO2-Ding angeht. Das ist also ganz klar eine Freiheit, die hier existiert und auch vor der wende existiert hat. Wenn man nicht allzu scharf dem Geld hinterher ist.
Die Dokureihe ist sehenswert, beantwortet meine Frage aber nicht

Ich bezweifele, dass viele im Westen nachvollziehen können, wie viele kleine Freiheiten sich jeden Tage ergeben haben.

Es beginnt damit, dass man sich in vielen Berufen nicht überarbeiten musste und damit effektiv Zeit und Kraft für Hobbys hatte.

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Danke, besser hätte ich es auch nicht schreiben können.

Im Osten musste man sich also nicht überarbeiten. Ok. In der Doku wird darauf hingewiesen, dass die Leute im Osten es mögen als tüchtig bezeichnet zu werden und Unfassbare leisten, wenn sie für etwas brennen.

Wer übernimmt denn jetzt gerade mal Verantwortung für Flüchtlingen und Klima und warum versuchen so viele mit ihrer Stimme für die AfD sich dieser Verantwortung zu entziehen?

Die Kapitalismus-Kritik von Honecker sitzt tief.
Es war pervers, dass Menschen in der DDR vor dem Restaurant Schlange stehen mußten, da man zuerst die Westdeutschen abfüttern mußte, “aus reiner Gier nach Westmark”.

Mache ich nicht, es war aber stets so frustrierend über die deutsche Grenze zu fahren. Eigentlich hätte man die Grenze von Oben nach Unten stehen lassen sollen, damit auch alle Menschen aus dem Osten sehen, welcher Wahn dieser “friedenssichernde Todesstreifen” war.

In einer totalen Überwachung sind vermeintliche Freiheiten nur Illusion.

Man kann sich doch auch im gegenwärtigen Deutschland einfach nicht wie ein ultrakapitalistischer Lemming zu Tode arbeiten, um sich regelmäßig einen Benz Jahreswagen und Urlaub auf den Maldiven zu gönnen?! :thinking: Das bedeutet natürlich Verlust an Luxus und an sozialem Ansehen (“was sollen denn die Nachbarn dazu sagen?”), aber meiner Einschätzung nach hat man dann insgesamt trotzdem sowohl ein höheres Maß an Freiheit, als auch mehr Geld, als im Kommunismus.

Letztlich scheint mir diese “Freiheiten in der DDR”-These hauptsächlich eine illegitime Verquickung von Nostalgie und Politik zu sein. Die Welt dreht sich heute viel schneller als noch vor wenigen Jahrzehnten und die Veränderungen machen Menschen ängstlich, weswegen sie das Gefühl der Kontrolle suchen, was letztlich illiberale Tendenzen hat.

Meinen Informationen nach hatte die nach-68er BRD bis zur Wende auch wesentlich mehr Freiheiten, als wir heutzutage. In meinem Kreis hier gab es Woodstock-eske Festivals, wo angeblich - Pardon - wild herumgefickt und Polizeiwägen umgeworfen wurden. In meiner Jugend hier im Kreis (2005-2009) war das unvorstellbar, alles war sehr viel langweiliger und es wurde vor meinen Augen noch langweiliger: alle Jugendlichen pilgerten zur Maiwanderung traditionell auf eine große Lichtung im Wald und die Bauernsöhne kamen mit Traktoren und mächten Lautsprechern auf ihren Anhängern. Sehr geil. Die Traktoren mit Lautsprecher-Anhängern wurden 2009 oder so verboten…
Das Helikopterelterntum z.B. scheint ja auch ein recht neues Phänomen zu sein und gabs auch in der alten BRD nicht. Da haben Kinder meist einfach draußen gespielt und so, ihr kennt es ja.

Ich würde also zur Vorsicht mahnen, die Folgen des äußerst komplexen Phänomens der … letzten 20-30 Jahre irgendwie logisch mit den Zuständen der DDR zu verbinden. Wegen meiner persönlichen Geschichte hörte ich hauptsächlich nur von den Zuständen im kommunistischen Rumänien, und da war eigentlich alles grottiger als heute.

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