Keine Krankenversicherung?

Gestern sendete der DLF ein verstörendes “Feature”: krank ohne Krankenversicherung!

Es lohnt sich, da mal reinzuhören: Ein Mann - gut gebildet (Ingenieur) kommt aus dem Ausland zurück nach Deutschland und will sich krankenversichern. Das geht aber erstmal nicht. “Nagut” denkt er sich, “ich muss halt mehr Formulare ausfüllen und Geduld haben, dann wird’s schon”. Und Außerdem: “Ich bin ja so gesund, eigentlich brauche ich eine Krankenversicherung gar nicht”.

Interessant, gelle?

Aber es wird dann - im Laufe dieser Geschichte - sehr spannend!
(Es sind nur 54 Minuten)

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Na - die Reaktionen hier sind ja eher mau. Dabei ist die
Krankenversicherung ein eklatantes Beispiel für die Domi-
nanz der Privilegierten in unserer Gesellschaft.

Was für Schlussfolgerungen können wir aus diesem
Vorgang ziehen?

Ist “Dylan” hier nur ein tragischer Einzelfall? Oder
haben wir es mit einem systemischen Fehler zu tun?

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     Meine Schlussfolgerung ist: 

Der Vorgang um Dylan zeigt, dass die Komplexität der
Gesetze zur Krankenversicherung fast kafkaeske Formen
annimmt. Das liegt aber nicht am bösen Willen der
Beteiligten, auch nicht an bösen Politikern. Nein!

Es liegt an den seltsamen Eigenheiten unseres “dualen
Gesundheitssystems”!

“Dual” bedeutet: Wir haben zwei verschiedene Versicherungs-
arten: Gesetzlich (GKV) und Privat (PKV). Um diese beiden
herum hat - aus Gerechtigkeits- und Abgrenzungsgründen -
der Gesetzgeber so viele Gesetze und Richtlinien erlassen,
das es dazu kommen kann, dass Dylan - wie in dem Podcast
dargestellt - in jedem Fall gegen das Gesetz verstößt!

Einerseits ist er seit 2009 verpflichtet, sich krankenzuversichern,
andererseits verweigert jede KV, die er anspricht, zunächst mal,
ihn aufzunehmen.

Die “Dualität” unseres Gesundheitssystems hat zu solch sich
widersprechenden Gesetzen geführt, in welchen der Bürger -
hier Dylan - in bestimmten Fällen zu ersticken droht. Dieser
Gesetzes-Moloch ist in bester Absicht entstanden, und doch
erdrückt er den Bürger in bestimmten Konstellationen.


Das Problem ist die “Dualität der Versicherungen”,
die ja so extrem ungleich sind:

Um GKV und PKV zu regulieren, hat der Gesetzgeber viele
Klimmzüge machen müssen, damit jeder weiß, in welche
Versicherung er gehört.

Die eine ist für die Armen und die Masse, die andere ist
für die Beamten und die Privilegierten. Die eine bezahlt für
die medizinischen Leistungen gerade mal das EBM-Entgelt,
die andere belohnt Mediziner überschwenglich mit GOÄ.
Bei dem einen machen Ärzte, was gerade so nötig ist,
bei den anderen bemühen sie euphorisch um den Patienten.

Es ist ein bißchen wie ineiner hierarchisch feudalen
Ständegesellschaft. Die einen sind dann doch - es geht
ja um Gesundheit (!) - mehr Wert als die anderen.

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Unser KV-System ist keineswegs gut, weder in der PKV noch in der GKV. Während als PKV-Versicherte der Kampf mit den Ärzten gegen unnötige Operationen geht, kämpfen die GKV-Versicherten für die rechtzeitigen und notwendigen Behandlungen. Die ganze Macht der Krankenkassen mit ihrem Abrechnungssystem geht zu Lasten aller Betroffenen. Warum versichern wir denn nicht nur die ‘teuren’ Fälle, z.B. chronische Krankheiten, Krebsbehandlungen u.ä.? Warum soll es denn nicht möglich sein, dass verschiedene Arztpraxen sich zusammenschließen und ihre Dienste anbieten? Mit einem bGE (1000,- pro Mensch) kann sich jeder seine Behandlung selber zahlen.

Mmmh ja, so mag es jemandem erscheinen, wenn er aus großer Entfernung auf das
Gesundheitssystem blickt.

Die meisten jüngeren Menscen (ich zähle mich allerdings auch zu den Jüngeren) kratzen gerade mal an der Oberfläche, ohne auch nur ein bißchen in das Gesundheitssystem - im analytischen Sinne - einzudringen. Damit meine ich: Sie kennen das Gesundheitssystem nur dadurch, dass sie manchmal - aufgrund von Grippe oder Schnupfen - zu ihrem Hausarzt gehen. Sie waren vielleicht mal bei einer Privaten Krankenversicherung versichert - und haben erfahren, wie sie dann der Hausarzt behandelt. Und sie waren vielleicht auch mal bei einer Gesetzlichen Krankenversicherung - und haben dort erfahren, wie sie als GKV-Patient vom Hausarzt behandelt werden. Und das war’s dann aber auch.

Das Gesundheitssytem ist aber viel größer und vielschichtiger: Da gibt es Hausärzte, Fachärzte, ambulante Behandlungen in Krankenhäusern, ambulante Behandlungen MZs und stationäre Behandlungen in Krankenhäusern. Da gibt es spezialisierte Zentren und Dorfkrankenhäuser. In diesen gibt es Hierarchien, Karrieren - also Oberärzte, Dozenten und Chefärzte - und es gibt ein in den Jahren immer wieder geändertes Abrechnungssystem nach DRG mit Fallpauschalen, Sonderentgelten usw. etc. (die Auflistung könnte noch seitenweise fortgesetzt weden).

Problem: PKV-GKV-Dualität wird unterschätzt

Weil die meisten - glücklicherweise - nur an der Oberfläche kratzen, können sie die Problematik des dualen Versicherungssystems GKV-PKV auch gar nicht erkennen.

Wenn die Menschen dann einmal ernsthaft erkranken, z.B. durch eine Krebserkrankung, dann erst geraten sie wirklich in die Mühlen des Gesundheitssystems. Aber auch dann werden sie kaum Strukturen und Abläufe - auch solche, die sie selbst existenziell betreffen, nicht mehr erkennen, weil sie dann viel zu sehr mit ihrer eigenen Krankheit, Psyche und Leben beschäftigt sind. Und weil sie auch keine Kraft mehr haben, sich zu wehren oder sinnvolle Therapien einzufordern.

Als Steve Jobs sich aufgrund “Pankreaskrebs im fortgeschrittenen Stadium” 2004 operieren ließ, war die Prognose äußerst unsicher. Dass er dann aber dennoch 7 Jahre überleben konnte, verdankte er sicherlich der Tatsache, dass er in den USA dank seiner finanziellen Situation die besten Experten für seine Behandlung gewinnen konnte.

Zurück zu Deutschland und seinem Gesundheitssystem. Was glaubst Du, wie es Dir in einer ähnlichen Situation hier erginge? Probier doch einfach mal aus, bei einer Universitätsklinik bei einem Experten, z.B. eine Chefarzt für Onkologie, einen Termin zu bekommen. Die erste Frage, die das Sekretariat Dir stellen wird ist: “Wie sind sie versichert?” Wenn Du dann sagst “gesetzlich …”, dann ist das Gespräch schon an dieser Stelle beendet.

Woran liegt das wohl?

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Nun ja, dass in der Gesundheitsbranche Geld verdient wird, ist eher eine
Binsenweisheit: Jährlich 400 Milliarden werden für Gesundheit ausgegeben,
und die Einzelnen Beteiligten müssen auch etwas verdienen. Insofern ist
das gesamte Gesundheitssystem auch finanziell zu betrachten. Das gilt
sowohl für die GKVen als auch für die PKV.

Die Besonderheit der PKVen ist, dass sie nicht nur eine ausgeglichene
Bilanz brauchen - wie die GKV - sondern darüberhinaus Profit machen
wollen und eine Rendite für ihre Anteilseigner erwirtschaften wollen.
Auch das könnte ich noch akzeptieren - und das ist als Solches
eigentlich kein Problem für das Gemeinwesen. Eigentlich.

Die parasitäre Problematik tritt in Erscheinung, wenn man sich ansieht,
wie die PKVen sich in der Realität aufstellen:

Die PKV sucht sich wie ein Rosinenpicker NUR die Bestverdiener aus.
Die Lasten der Schwachen werden von den PKVen nicht oder nur
minimal mitbezahlt. Konkret sieht das so aus:

Ein Arbeitnehmer mit 4500 Euro Einkommen zahlt 700 Euro Beitrag
(einschließlich Arbeitgeberanteil). Von diesen 700 Euro werden
etwa 350 Euro verwendet, um damit die medizinische Versorgung von
Einkommensschwachen zu finanzieren, während ein privat Versicherter mit
genau dem gleichen Einkommen nicht einen einzigen Euro für die
Solidargemeinschaft aufbringt und das Geld ganz dafür ausgeben kann, sich
selbst eine bessere medizinische Behandlung zu kaufen und sogar noch
etwas fürs eigene Alter zurückzulegen.

Der gesetzlich Versicherte, der freiwillig bei hohem Einkommen Monat für
Monat mehr als 350 Euro in die Solidarität zahlt, muss im Falle einer
Erkrankung im Wartezimmer ausharren, bis der Privatpatient, der sich um
diese Zahlung drückt, fertig behandelt wurde. Danach muss er sich vom Arzt
oft behandeln lassen, als ob er der Ausnutzer des Systems wäre, nur weil er
für den Arzt nicht so lukrativ ist.

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Ein Großteil der Krankenhäuser befindet sich zudem im ländlichen Raum und ist stark unterfinanziert. Bei uns im Kaff heist es immer das man in das KH nur gehen sollte wenn man Suizid begehen will. Die Leute gehen dann lieber 100 Kilometer weiter woanders hin oder in die Schweiz (Selbst dann wenn man es aus eigener Tasche zahlen muss)…

Und das geht ja nicht nur mit Krebs so. Meine Erfahrung, 5 Stunden mit einem gebrochenen Fuß im Wartebereich sitzen bevor sich das ein Arzt überhaupt auch nur mal ansieht… Sehr lustig das alles.

Grund dafür ist aber das die Deutschen sich das alles schön obrigkeitstreu gefallen lassen ohne mal auf die Straße zu gehen oder Gott behüte mal eine andere Partei als den immer üblichen gleichen Mist zu wählen…

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Die Probleme der Mitgliedschaft in einer gesetzlichen oder privaten Versicherung nach einem solchen Auslandsaufenthalt ist m.E eher eine Gesetzeslücke als eines der Dualität der beiden Versicherungen.

Sie haben aber auch keinen Staat, der die Löcher bei Defiziten stopft, sondern müssen Rücklagen bilden, für Fehlkalkulationen.

Da die viele private Versicherer Genossenschaften sind, trifft das auch nicht immer zu.

Warum private Versicherung parasitär sind, wenn sie sich an die gesetzlichen Vorgaben halten, musst du mir aber schon erklären. Die private Versicherungswirtschaft würde m.E. auch alle Menschen versichern, wenn ihr das gesetzlich gestattet würde. Ob wir uns das alle leisten könnten, ist eher dann die andere Frage.
Ich erachte diese Polemik nicht zielführend für eine Sachdiskussion.

Die PKV sucht sich nicht wie ein Rosinenpickerei nur Bestverdiener aus, sondern es ist gesetzlich so geregelt, dass man sich nur als Beamter, Selbstständiger, Freiberufler oder Angestellter, der ein Gehalt über der Beitragsbemessungsgrenze bezieht, dort versichern kann. In der privaten Krankenversicherung ist man nach dem Äquivalenzprinzip versichert, sprich äquivalent zu den individuellen Risikofaktoren wie Eintrittsalter und Vorerkrankungen sowie abhängig vom Selbstbehalt kalkuliert. Daher ist die private je nach Gesundheitszustand des Betreffenden sehr teuer oder sehr günstig. Darüber hinaus muss sich in einer Familie jeder dort versichern, sprich die Kinder oder nicht erwerbstätige Ehepartner:innen sind nicht mitversichert.

Die Rosinenpickerei, wie du es nennst, ist dann wohl eher eine Marktentscheidung. Diese Wahl erfolgt durch den Kunden, dem das gestattet ist durch die Kalkulation und der Entscheidung, ob sich eine private oder eine gesetzliche Versicherung lohnender ist. Diese Entscheidung ist gesetzlich nur nicht jedem gestattet. So manch einer bleib auch in der gesetzlichen Versicherung, weil man dort teils günstiger versichert sein könnte, wegen etwaiger Vorerkrankungen oder auch vorhandenen Kindern. Immerhin sind 10 % (5,4 Millionen Menschen) in der gesetzlichen Versicherten freiwillig versichert und dazu 16,7 Millionen Menschen familienversichert (sprich beitragsfrei).
Quelle:https://www.vdek.com/content/dam/vdeksite/vdek/daten/b_versicherte/pflichtmitglieder_freiwillige_mitglieder_rentner.jpg/_jcr_content/renditions/cq5dam.web.1280.1280.jpeg

Und genau da kommen wir doch auch an den Punkt, in dem das Gerechtigkeitsgefühl getiggert wird. Die einen haben eine freie Wahl, die anderen nicht. Man fühlt sich benachteiligt, obwohl die Benachteiligung meist nicht in der medizinischen Leistung liegt, sondern eher im Komfort und in der Schnelligkeit und Wartezeit. Und darin liegen meiner persönlichen Meinung die Probleme des doppelt laufenden System zwischen gesetzlicher und privater Krankenkasse. Das Gerechtigkeitsgefühl. Nicht umsonst haben sich mittlerweile schon 26 % der gesetzlich Versicherten entsprechende Wahlleistungen ebenso privat Zusatz-versichert. Tendenz steigend. Nur wenn wir nun alle in eine Bürgerversicherung einzahlen würden. Würde sich damit wirklich die Behandlung im Krankenhaus verbessern?
Das Problem liegt meiner persönlichen Meinung nach nicht in der Dualität der privaten Versicherung und gesetzlichen Versicherung an sich, sondern die Grundlagenfinanzierung der Krankenhäuser.PowerPoint-Präsentation (klinikverbund-hessen.de)
Was mir bei der ganzen Diskussion über das Thema immer fehlt, die Erklärung der Grundlagen. Es wird immer nur pauschal das Gerechtigkeitsgefühl getriggert.

Vielleicht sollte man mal anfangen über wie viele Menschen und Versicherungen wir reden und welche Kosten,

gesetzlich Versicherte
73,36 Millionen Menschen in der gesetzlichen Krankenversicherung
davon:

privat Versicherte

8,73 vollversicherten Menschen in der privaten Krankenversicherung

Gesamtausgaben der GKV 2020 262,90 Milliarden Euro
Gesamteinahmen GKV 2020: 260 Milliarden Euro
Der Bundeszuschuss belief sich auf 18,7 Milliarden Euro (Steuergelder) für versicherungsfremde Leistungen - die Mitversicherung von Familienangehörigen z. B.

Gesamtausgaben der PKV 34,7 Milliarden Euro
Gesamteinnahmen der PKV 2020: 42,85 Milliarden Euro

  • ob die Altersrückstellungen darin enthalten sind, ist mir nicht bekannt. Da es aber Einnahmen sind und nicht Gewinne, gehe ich davon aus, dass die Rücklagen darin enthalten sind.

Meine Fragen an die Gesundheitspolitiker der Partei wären:

  • Wird mit der Bürgerversicherung die Gesundheitsversorgung tatsächlich besser?

  • Was würde die Bürgerversicherung an der Krankenhausfinanzierung und der Ausstattung und Verbesserung der ärztlichen Behandlung tatsächlich finanziell verbessern?

  • Reicht das Einzahlen aller privat Versicherten in eine gesetzliche Versicherung zur Verbesserung des Gesundheitssystems aus?

  • Endet die Bürgerversicherung nicht am Schluss auch in einer Zwei Klassen Medizin, soweit noch Private Zusatzversicherungen möglich sind oder die Option des Selbstzahlens?

  • Reicht die Reform der Versicherung oder bedürfte es nicht einer grundlegenden Reform des gesamten Gesundheitssystems insbesondere der Krankenhausfinanzierung?

  • Ist das eigentliche Problem nicht die Krankenhausfinanzierung?

Allgemein wäre ich sehr an einem Diskurs über Vor- und Nachteile eine Bürgerversicherung, die wir ja programmatisch anstreben und ob diese ausreichend ist, dass Gesundheitssystem zu reformieren interessiert.

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Danke für den sehr differenzierten Beitrag zu diesem Thema.

Man sieht mal wieder: Es ist mal wieder viel komplexer als man vermutet…

Gruß
Andi

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Denken wir doch ruhig einmal darüber nach, was als besonders ungerecht empfunden wird. Ist das nicht vor allem längeres Warten auf einen Termin, vielleicht längeres Warten im Wartezimmer und dazu die Vermutung, dass ein PKV-Patient, der von einem Chefarzt oder gar Professor behandelt wird, eine bessere medizinische Behandlung erhält?

Bei dieser Vermutung handelt es sich jedenfalls um einen Irrglauben. Ärzte werden nicht deshalb zum Chefarzt oder erhalten eine Professur, weil sie über besonders breit angelegte Fachkompetenzen verfügen, sondern ganz im Gegenteil, weil sie sich für ein bestimmtes Fachgebiet entschieden haben und insbesondere in diesem Fachgebiet eine hohe Kompetenz erworben haben.

Der Herr Professor als Klinikleiter verbringt oft mehr Zeit auf Kongressen, als bei seinen Patienten, da er in der Regel eine Koryphäe in einem eng eingegrenzten Fachgebiet (z. B. Augenarzt spezialisiert auf Glaukom) und keineswegs ein „Hans-Dampf in allen Gassen“ ist. Zur Behandlung vorbehalten wird er sich jedoch alle Privatpatienten, unabhängig davon, woran diese erkrankt sind, statt sie an entsprechend erfahrene Kollegen zu verweisen. Aufgrund persönlicher Erfahrungen könnte ich wahre Horrorgeschichten darüber berichten, was einem vor diesem Hintergrund widerfahren kann, wenn man sich in solche Hände begibt, statt selbst nach dem auf die eigene Erkrankung spezialisierten Arzt zu suchen, wobei oftmals eher der Oberarzt als der Professor in Frage kommt.

Die Honorarrechnung des persönlich liquidierenden Professors enthält oftmals, wenn nicht üblicherweise, sämtliche gemäß GOÄ eventuell in Frage kommende Untersuchungs- und Behandlungspositionen, unabhängig davon, ob sie tatsächlich angewandt worden sind). So muss er handeln, eben wegen der Unterfinanzierung der Kliniken, an die er einen hohen Anteil seines Liquidationserlöses abzuführen hat – richtigerweise, da er die Ressourcen der Klinik nutzt und die Klinik Geld im Bereich der Forschung benötigt.

Das wage ich sehr zu bezweifeln. Ein Arzt, der seinen Beruf aus Leidenschaft für diesen ergriffen hat – und davon gibt es auch heute noch sehr viele“ – wird immer um die Heilung seiner Patienten bemüht sein und ihnen daher nichts vorenthalten, was das Gesundheitssystem ihm zugesteht. Zwar ist das leider allzu oft nicht unbedingt die Zeit, die er seinen Patienten am liebsten widmen würde. Doch wie bedeutsam sind Wartezeiten tatsächlich gegenüber einer guten medizinischen Betreuung?

Ergo: An unserem Gesundheitssystem gibt es in der Tat genug zu bemängeln, doch sind höchst wenige davon Ärzten anzulasten. Insbesondere von den niedergelassenen bevorzugen längst nicht mehr alle Privatpatienten, von denen nicht wenige sich den Rechnungsbetrag von der PKV erstatten lassen, während der Arzt sein Geld erst nach mehreren Mahnungen erhält.

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@Miranda
Sehr guter Post, bravo.

@syna

Sorry, das ist Quatsch.

Die Politik hat der PKV den Zugang zu “Normalverdiener”, die nicht Beamte oder Selbstständig sind, verwehrt.
Die PKV würde liebend gerne auch Normalverdiener versichern. *

  • Wo die PKV schon Rosinenpickerei betreibt, ist beim Gesundheitszustand und bei der Bonität (schlechte Schufa).

Ja ein einheitliches Regelwerk, also einheitliche Spielregeln, ist überfällig.

Aber das wollen die gesetzlichen Krankenkassen nicht, weil sie wissen, dass die meisten das nicht überleben werden.

Wenn man/frau nun ein einheitliches Regelwerk aufstellen möchte, und allen Versicherten die freie Wahl (in gewissen Grenzen) überlässt, wo Sie sich versichern wollen, dann stellt sich schon die Frage, was machen wir mit Menschen, die ein Geschlecht haben welches tendenziell höhere Kosten verursacht (wofür es natürliche Gründe hat), was machen wir mit Menschen mit Vorerkrankungen, was mit Menschen, die Übergewicht haben und/oder Drogen konsumieren, was mit Menschen die sich nicht impfen lassen wollen, was machen wir mit Älteren Menschen usw.

Mein Vorschlag, wie schon in einem anderen Thread benannt, ist alle Drogen frei zu geben für alle und im Gegenzug mit einer Drogenabgabe (abhängig von Suchtpotential und Schädlichkeit für den Körper) zu belegen.
Die Einnahmen daraus, geschätzt 80 Mrd.€ p.a. könnte dazu verwendet werden, um die wahrscheinlich zu erwartenden Mehrkosten, Stichwort Vorerkrankungen siehe oben, bestimmter Menschen abzufangen.

Gebe zu, dass nur 80 Mrd.€ dafür nicht reichen werden.
Denke ein Zuschuss aus staatlichen Mitteln im Umfang von 1% vom BIP wird da noch dazu notwendig sein.

Das entscheidende um die gesetzliche KV zu retten ist:

  1. Einheitliches Regelwerk GKV/PKV
  2. Abschaffung Primärarztprinzip
    Würde Krankenhäusern enorm helfen.
  3. Abschaffung des Facharztprinzip
    Jede Ärztin/Arzt legt den Stundensatz selbst fest, zB zwischen 90€ - 450€.
    Muss diesen aber vorher kommunizieren.
    (2/3. zusammen könnte Kosten um 20% senken)
  4. Reform der Beschaffung von Hilfsmitteln (ca.-80% Kostensenkung möglich)
  5. Reform des Patentrechts
    (ca.-80% Kostensenkung bei Medikamenten möglich)
  6. Abschaffung der Familienversicherung
    hin zur Individualversicherung
  7. Einheitsbeitrag für alle über 18 Jahre, (U18 zahlen die Hälfte)
  8. Einführung einheitlich 10% SB, vgl. §61 SGB V.
  9. Mehr Europa, spricht Behandlungen im Ausland, wenn dadurch Kosten gespart werden können.

@ukw

“Streiche pecunias aus der Gleichung”

Auch wenn Du den Quatsch ständig wiederholst, wird es dadurch nicht richtig.

In jeder Branche, wenn Du die Bezahlung streichst, wird die Bereitschaft der Menschen dafür sich zu engagieren gegen Null gehen.
Auch Du arbeitest für Geld, oder?

Auch Pflegekräfte wollen und müssen bezahlt werden.
Das steht außer Frage.

Es geht nur darum die Ineffizienzen aus dem System weg zu bekommen, wovon die meisten durch schwachsinnige Regelungen seitens der Politiker entstanden sind.

Aber ohne bGE, besser “Grundsicherung für alle”,
wird keine umfassende Reform des Gesundheitswesens möglich sein.

Und nur mit Abschaffung der Steuern und bGE dazu, wird die Mehrheit der Menschen die gigantischen Kosten, die durch die alternde Gesellschaft auf uns zukommen, bezahlen können.

Die Pinjata PKV einmal auszubeuten und zu killen und den Menschen ihr Eigentum wegzunehmen, ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein, wird dem kaputten System nur 2-3 Jahre mehr geben bevor es kollabiert.

Sorry Miranda, sei mir nicht böse - und nimm es nicht persönlich.
Aber was Du hier schreibst, ist leider vollkommen daneben - man
könnte fast meinen, Du seist den ständig sich wiederholenden
FDP-Slogans erlegen. Das ist schade!

Kurz zur Gerechtigkeit: “Gerechtigkeit” ist die Grundlage unserer Gesellschaft,
unseres Zusammenlebens! Was sollte es wichtigeres geben als Gerechtigkeit?

Aber warum ist die private Krankenversicherung “parasitär”?
Darüber könnte man eine lange Abhandlung schreiben - ich habe soviel Zeit
hier jetzt nicht, deshalb muss ich mich kürzer fassen. Dies sind die 5
Hauptpunkte, die Probleme, die durch die PKV verursacht werden:

  1. Ungerechte Feudalstruktur durch die PKV: PKV-ler beteiligen
    sich nicht an der Solidarität
  2. Kassenpatienten haben überhaupt keinen Zugang zu Experten
  3. Erhebliche Fehlallokationen in fast jedem Fachbereich.
  4. Forschungsleistungen sind viel schlechter.
  5. Uneffiziente duale Strukturen (doppelte Facharztschiene, Drehtürmedizin) -
    nur zum Wohle der Privatversicherten.

Ich umreiße kurz, was diese Punkte bedeuten:


  1. Ungerechte Feudalstruktur durch die PKV

Alleine die Solidargemeinschaft der gesetzlich Versicherten muss die Behandlung derer
bezahlen, die selbst kein ausreichendes Einkommen haben. Dazu zählen mitversicherte
Ehefrauen, Kinder, Arbeitslose und Hartz-IV-Empfänger. Privat Versicherte beteiligen
sich nicht an diesem Sozialtransfer, sie bezahlen lediglich ihr in der Regel niedriges
Krankheitsrisiko. Der minimale Steuertransfer, den es gibt, ändert an dieser Tatsache
nichts.

Das sieht konkret dann so aus: Ein Arbeitnehmer mit 4500 € Einkommen zahlt 700 €
Beitrag (einschließlich Arbeitgeberanteil). Von diesen 700 € werden etwa 350 €
verwendet, um damit die medizinische Versorgung von Einkommensschwachen zu
finanzieren. Dagegen bringt ein privat Versicherter mit genau dem gleichen Einkommen
nicht einen einzigen Euro für die Solidargemeinschaft auf! Er kann sein Geld ganz
dafür ausgeben, sich selbst eine bessere medizinische Behandlung zu kaufen!

Der Kassenpatient dagegen muss er sich vom Arzt oft behandeln lassen, als ob er der
Ausnutzer des Systems wäre, nur weil er für den Arzt nicht so lukrativ ist. Noch
schlimmer: Ist er ernsthaft krank (Krebs, Herz), dann kann er einen Spezialisten gar
nicht erst konsultieren.

Die Private Krankenversicherung subventioniert nicht das System, sondern bezahlt nur
die Luxusversorgung ihrer Versicherten und profitiert von der Subvention durch die
ihren eigenen Mitgliedern erlassenen Solidarbeiträge.

Durch die Nichtbeteiligung der PKV-Versicherten an der Solidarität kann die PKV pro
Versichertem mehr bezahlen - und genau das weckt Begehrlichkeiten und führt zu
einer drastischen Verzerrung im Gesundheitswesen: Erhebliche Fehlallokationen in fast
jedem Fachbereich (das ist hier Punkt 3).


  1. Kassenpatienten haben überhaupt keinen Zugang zu Experten,

Wenn Du glaubst, Du könntest als gesetzlich Versicherter persönlich
bei den renommierten Chefärzten einer Universitätsklinik vorsprechen, dann
mache einfach mal den Selbstversuch: Die erste und für neunzig
Prozent der Anrufer auch letzte Frage des Sekretariats wird lauten, ob Du
privat versichert seist. Musst Du das verneinen, ist es in der Regel aus.

Beispiel:

Ein bekannter Spitzenchirurg einer deutschen Universitätsklinik operiert vor allem Leistenbrüche. Und zwar obwohl er sich auf Bauchspeicheldrüsenkrebs spezialisiert hat. Statt nun alle Fälle mit Bauchspeicheldrüsenkrebs im Umfeld zu operieren – was zeitlich gut ginge, da die Krankheit nur selten ist – übernimmt er nur einen kleinen Teil davon und behandelt hauptsächlich Leistenbrüche. Operiert er einen Bauchspeicheldrüsenkrebspatienten der AOK, dann steigt sein persönliches Einkommen nicht um einen einzigen Euro. Operiert er stattdessen in der gleichen Zeit 5 Privatpatienten mit Leistenbruch, hat er zusätzlichen 3000 Euro verdient.

Dazu muss man wissen: Bauchspeicheldrüsenkrebs ist eine aggressive Krankheit, 90% überleben das erste Jahr nicht. Bei einem Eingriff durch einen erfahrenen Operateur ist die Sterbewahrscheinlichkeit direkt nach dem Eingriff nur halb so groß (5,8%) wie bei Patienten, die von wenig erfahrenen Ärzten operiert werden (12,9%).


  1. Erhebliche Fehlallokationen in fast jedem Fachbereich.

Fehlallokation: Gut ausgebildete Spezialisten werden nicht in ihrem Spezialbereich, für
den sie bestens ausgebildet wurden, eingesetzt, sondern für Trivialeinsätze von PKV-
Patienten verschwendet. Das passiert genau deshalb, weil für diese Trivial-OPs besser
bezahlt wird. Die Situation hat sich noch verschlechtert, seit die privaten
Krankenversicherungen verlangen, dass der liquidierende Spezialist die Leistung auch
selbst erbracht haben muss, um abzurechnen, während in der Vergangenheit oft die
Arbeit von weniger qualifizierten Ärzten durchgeführt werden konnte, und der Spezialist
sie nur abgerechnet hat.


  1. Forschungsleistungen sind viel schlechter.

Hohe Gehälter hängen in deutschen medizinischen Fakultäten zu wenig von der
Forschungsleistung und der Qualität der Behandlung aller Patienten und zu stark von
den Nebeneinnahmen durch die Privatpatienten ab. D.h. ein hochdotierter
Wissenschaftler wird von der kaufm. Leitung gezwungen, Trivial-Erkrankungen von
PKV-Patienten zu behandeln, weil diese “so gut” bezahlt werden, statt sich wirklich der
Forschung und schweren Krankheiten zu widmen. Ethisch ist dieses System
fragwürdig, weil es die Versorgungsqualität indirekt vom Einkommen des Patienten
abhängig macht (Siehe Rothmund, M, Die Stellung der klinischen Forschung in
Deutschland im internationalen Vergleich, 1997, Dtsch. Med. Wschr. 122, 1358-1362.)


  1. Uneffiziente duale Strukturen (doppelte Facharztschiene, Drehtürmedizin) - nur zum
    Wohle der Privatversicherten.

Die ambulante Behandlung steht in Deutschland ausschließlich dem privat Versicherten
zur Verfügung, weil sie die Ärzte frei auswählen können und die Fachleute sie gerne
behandeln. Im Fall von Komplikationen können sie daher auch nach dem Eingriff von
dem Arzt ambulant weiterbetreut werden, der sie operiert hat. Der gesetzlich
Versicherte Patient wird dagegen nach Auftreten einer Komplikation „durch das System
gereicht“. Dabei gerät er an Ärzte, die mit Fällen wie seinem keine oder wenig
Erfahrung haben.

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Das nur in aller Kürze.Jeder einzelne Punkt alleine würde die Abschaffung der
PKV rechtfertigen bzw. sogar erzwingen.

Vielleicht wäre es auch gut, sich auf der Piraten-Wiki-Seite umzusehen. Nicht
umsonst haben wir Piraten einen Beschluss zur Gesundheitsversorgung gefasst,
die die Abschaffung der PKV und die Einführung einer Bürgerversicherung
(wie SPD und Grüne übrigens auch!) vorsehen. Das hat alles einen Grund (bzw.
wie wir oben sehen: Viele Gründe!)

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Das gilt nur für die älteren arrivierten Ärzte. Für jüngere aufstrebende
Experten gilt dies genau nicht.

In den USA wurde schon früh durch wissenschaftliche Studien bewiesen, dass durch Spezialisierungen die Überlebensraten von Patienten erheblich gesteigert werden können. Dieser Zusammenhang zwischen Anzahl der Eingriffe (= Spezialisierung) und Mortalität konnte mittlerweile auch in Deutschland nachgewiesen werden. Bei schwerwiegenden Krankenheiten (also Krebsarten, Herzoperation usw.) ist die Überlebensrate entscheidend davon abhängig, ob ein Spezialist die Operation durchführt oder ein Chirurg vom nächsten Dorfkrankenhaus.

Im Ernstfall kommt es daher in jedem Lebensalter darauf an, Zugang zu einem Experten (= Spezialisten) zu haben. Um an einen guten Arzt oder eine gute Klinik zu gelangen, muss man “shoppen” gehen. Das kann man aber in der Regel nur als privat Versicherter, weil der Spezialist, wenn man ihn bei der mangelhaften Transparenz des Systems überhaupt findet, sonst kein Interesse zeigt.

Wer glaubt, man könne auch als gesetzlich Versicherter persönlich bei den renommierten Chefärzten einer Universitätsklinik vorsprechen, möge einfach mal den Selbstversuch starten. Die erste und für neunzig Prozent der Anrufer auch letzte Frage des Sekretariats wird lauten, ob man privat versichert sei. Muss man das verneinen, ist es in der Regel aus.


Beispiel Bundestag (1):

Dazu Karl Lauterbach (Experte für Gesundheitssysteme): "Es vergeht kaum eine Woche, in der ich (Karl Lauterbach) nicht den Verwandten oder die Lebenspartnerin eines Politikers - sehr häufig auch aus Fraktionen des Bundestags, die der Zweiklassenmedizin nicht kritisch gegenüberstehen - an einen Spezialisten vermitteln soll, weil der oder die Betreffende “nur” gesetzlich versichert ist.


Beispiel Bundestag (2):

Ein Bundestagsabgeordneter verriet mir: Es vergeht kaum eine Woche, in der er nicht den Verwandten oder die Lebenspartnerin eines Politikers - sehr häufig auch aus Fraktionen des Bundestags, die der Zweiklassenmedizin nicht kritisch gegenüberstehen - an einen Spezialisten vermitteln soll, weil der oder die Betreffende “nur” gesetzlich versichert ist.

Gerechtigkeit ist eines der wichtigsten Güter in einer
Demokratie. Das ist ganz grundsätzlich. Auch wir
Piraten stehen ja für die Teilhabe Aller an Staat
und Kultur ein. Das geht nur, wenn es auch Gerechtigkeit
gibt.

Wenn der eine für die Solidarität mitbezahlt - und der
andere nicht, dann ist das was? Genau: Ungerecht!

Noch ein paar Gedanken zum Gesundheitssystem …


G E D A N K E N E X P E R I M E N T

Frisor - Autohaus - Boutique-Besitzer

Stell Dir vor, Du bist ein Frisör … oder der Betreiber eines Autohauses
mit Werkstatt … oder der Betreiber einer kleinen Boutique für besondere
Frauen- und Männerbekleidung.

Und da hast Du (hoffentlich !) viele Kunden. Nun gibt es da aber eine
Besonderheit: Du hast nämlich 2 Arten von Kunden:

  1. Kunden, die nur den normalen Preis zahlen.
    ------------------------------ und --------------------------------
  2. Kunden, die IMMER den 2 fachen bis 4-fachen Preis zahlen.

Und das macht sich dann auch bemerkbar: Nach jedem Haarschnitt (als Frisör)
darfst Du bei den Kunden der Art (2) das 2- bis 4-fache als Preis verlangen!
Genauso als Betreiber des Autohauses: Jeder Kunde der Art (2) zahlt bei
Reparaturen oder Wartungs-Checks doch wirklich das 2- bis 4-fache! Auch
beim Verkauf von Kleidungsstücken und Mode-Artikeln: Die Kunden der
Kategorie (2) ZAHLEN tatsächlich - auch bei Sonderangeboten - das 2- bis 4-fache!

“Senstationell!” denkst Du Dir … und mit der Zeit achtest Du darauf, dass
besonders viele Kunden der Art (2) Deinen Laden betreten! Denn diese
Kunden sind lukrativ!

Du lächelst nachdrücklicher, wenn sie den Laden betreten, fragst freundlich, aber nicht aufdringlich, nach. Ja, damit diese Kunden auch wiederkommen, bietest Du ihnen einen Kaffee und einen Keks an und bist gerne zum Plaudern aufgelegt.

Es bricht eine Zeit an, in welcher die Konkurrenz für Frisäre und
Einzelhändler stärker wird - und Du musst Deine Preise senken, um
konkurrenzfähig zu bleiben. Das führt dazu, dass Kunden der Art (1)
kaum Deine vielen Kosten decken können. Und Du musst Dir also
Strategien ausdenken, um noch mehr Kunden der Art (2) in Deinen
Laden zu “lenken”.

Wenn der Andrang an Sonnabenden besonders groß ist, ist es vorteilhaft,
Kunden der Art (1) - sogenanntes “Kassenvieh” - aus dem Laden zu halten, damit für Kunden der Art (2) genug Platz da ist. Deshalb fragst Du schon am
Eingang Deines kleinen Ladens jeden Kunden, der eintreten will: “Sind Sie
Kunde der Art 1 oder Kunde der Art 2”?

Das ist nämlich wichtig: Wenn der Laden sowieso schon ziemlich voll ist,
kannst Du dann Kunden der Art (1) abweisen. Mit der Begründung: “Ist schon voll - hier kommt keiner mehr rein!”. Falls aber ein Kunde der Art (2) hereinkommen will, signalisierst Du ihm, dass “selbstverständlich noch genügend Platz da ist” und lächelst besonderst freundlich.


Alle gleichgut behandeln?

Nun gibt es auch einige sehr idealistische “Ladenbesitzer” (also Frisöre,
Automechaniker oder Boutique-Besitzer), die sich in ihrer Jugend geschworen haben: “Ich behandele alle meine Kunden gleich - egal, ob es Kunden der
Art (1) oder (2) sind.”

Das ist ein hehres, idealistisches und löbliches Denken. Aber dieses Denken kommt nicht gegen die Strukturen gegenan. Und die Strukturen sind nun mal so, dass die einen (Kunden der Art 1) den einfachen Satz zahlen, und die
anderen (Kunden der Art 2) immer das 2-4,3-fache zahlen.

Wenn nämlich stürmische Zeiten anbrechen und die Gewinnspannen minimal sind, wenn die Kreditschulden drücken, dann ist noch mehr ökonomisches
Handeln überlebenswichtig für Dich als Ladenbesitzer.

Du bist dann sogar darauf angewiesen, noch mehr Kunden der Art (2) in
Deinen Laden zu geleiten - auch wenn Du früher einmal idealistisch gedacht haben solltest. Kunden der Art (2) werden dann besonders hofiert, umgarnt und mit Extras gelockt. Du nimmst Dir auch viel mehr Zeit, diese Kunden zu beraten,
ihre Wünsche zu erfragen und mit ihnen zusammen zu überlegen. Denn Deine Schulden zwingen Dich dazu: Wenn Du Deinen kleinen Laden nicht schließen willst, dann musst Du den Kunden der Art (2) in den Allerwertesten kriechen - selbst wenn Du das eigentlich nie wolltest.


Was hat das mit dem Gesundheitssystem zu tun?

Genauso, wie es Dir im obigen “Denkexperiment” als Frisör, Automechaniker oder Boutiquebesitzer erging, so ergeht es jedem Arzt und jedem Krankenhaus in unserem Gesundheitssystem: Es muss die Kunden der Art (2) - die Privat Krankenversicherten - hofieren, umgarnen und mit vielen Extras locken. Und falls der Andrang “der Kunden” mal höher ist, dann geht das natürlich zu Latsen der Kunden der Art (1), der “Kassenpatienten”.

Der Ladenbesitzer aus unserem Gedankenexperiment war darauf bedacht, gleich beim Betreten des Ladens herauszufinden, ob es wohl ein Kunde der Art (1) oder (2) ist. Genauso ist es auch bei unserem Gesundsheitssystem: Sobald Du mit einer Praxis oder einem Krankenhaus Kontakt aufnimmst, wirst Du als erstes gefragt, ob Du Kassenpatient (1) oder privatversichert (2) bist. Gleich am Anfang! Damit der ganze Apparat - also die ganze Praxis oder das gesamte Krankenhaus - gleich weiß, wie er Dich behandeln wird und mit Dir umspringen wird. Gleich am Anfang!

Ach ja - es ist sogar noch extremer: Wenn Du bei einer Expertenabteilung einer Universitätsklinik anrufst, fragt die Sekretärin auch gleich am Anfang: “Kasse oder privat?” Wenn Du dann “Kasse” sagst, ist das Gespräch sogar ganz zu Ende. Entweder sagt sie dann “Wir haben leider überhaupt keine Termine - wenden sie sich woanders hin” oder sie sagt “Entschuldigen Sie, aber wir sind sooo voll, einen Termin hätte ich erst nächstes Jahr.”

Gleich am Anfang!

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Die Verbesserung der Gesundheitsversorgung ist mein primäres Ziel und mein primäres Interesse und sollte unser aller primäres Ziel sein. Der Weg dahin ist für mich sekundär und nicht ideologisch behaftet, sondern ich sehe das Ziel. Ich bin auch kein Gesundheitspolitiker und stelle daher Fragen und lese Dinge, kann aber die Gesamtsystematik nicht erfassen. Daher wünsche ich mir ja den Diskurs.

Von der Politik (also nicht nur speziell von Piraten) erwarte ich, dass sie mir verschiedener Wege, wie man dieses Ziel erreichen kann und was sich genau verbessern würde, aufzeigen.

Das fehlt mir bislang bei allen etablierten Parteien, aber auch bei der Piratenpartei. Die Aussage, es ist gerechter, reicht mir da einfach nicht.
Allein das Gefühl mit einer Bürgerversicherung mehr Gerechtigkeit zu haben, bei anhaltender Unterfinanzierung des Gesundheitssystems und Überlastung desselben erachte ich nicht für ausreichend, um die von dir geforderte “Abschaffung der gesamten PKV” vorzunehmen.

Ich nehme es dir nicht übel, ich nehme es dir nur übel, dass du nicht liest, was ich schreibe und dich auf die Wiederholung deiner Aussagen aus Karl Lauterbachs Buch „Zweiklassenmedizin“ aus 2007 beschränkst, statt meine Fragen zu beantworten. Das ist schade.
Es ist und bleibt der Gesetzgeber, der diese Regelung getroffen hat, dass nicht jeder Mensch die Freiheit der Wahl seiner Versicherung hat.
Wenn wir von Rosinen Picken reden, geht es nicht um Einkommen. Dieser Einkommensneid oder Reich gegen Arm ist hier eine Fehlannahme. Studenten können sich auch privat versichern und sie sind nicht gerade einkommensstark. Die Ungerechtigkeit ist doch nicht im Einkommen zu sehen. Wenn man von Ungerechtigkeit reden müsste, ist es allein das Gefälle und Gesund gegenüber Krank. Denn auch der kranke Reiche erhält nur schwer eine private Versicherung bzw. sie ist kostspielig, aber er kann sie sich leisten. Für den kranken nicht gutverdienenden Solo Selbständigen, kann sie hingegen unerschwinglich sein.
Darin liegen die Probleme bei der privaten Versicherung. Die Hauptursache für das unterfinanzierte Gesundheitssystem ist aber meiner Meinung nicht die private Versicherung, sondern in der gesetzlichen Versicherung selbst und die Regelungen, die der Gesetzgeber hierzu getätigt hat.
Daher mag ich das Framing, was hier geführt wird nicht. Populistische Diskussionen bringen mir wenig, wenn ich nach sachlichen Lösungen frage.

Nur weil SPD und Grün etwas beschlossen haben, ist es nicht automatisch gut und wenn dich meine Argumentation an die FDP erinnert, ist es auch nicht automatisch schlecht. Wichtiger sind die Argumente an sich, die im einzeln auch falsch sein können. Ich wünsche ja den Diskurs darüber und stelle Fragen und bin ergebnisoffen.

Ziel der Gesundheitspolitik sollte eine Verbesserung der Gesundheitsversorgung haben.
Die Wege dahin können unterschiedlich gesehen werden.
Und den einzigen Grund, den ich bislang hier gelesen habe, war der, den ich selbst auch gesehen habe. Das Gerechtigkeitsgefühl.
Das Gerechtigkeitsgefühl wird aber m. E. das Gesundheitssystem nicht allein verbessern können. Damit wird keiner besser behandelt als zuvor.

Wie durch eine Bürgerversicherung das Gesundheitssystem profitieren kann und es tatsächlich zu einer besseren Versorgung aller Patienten als auch der Behebung der Unterfinanzierung der Krankenhäuser kommen soll, erschließt sich mir noch immer nicht.


Ausgehend von unserer Programmatik haben wir beschlossen:

Grundsatzprogramm:

Finanzierung
Alle Bürger beteiligen sich an der Finanzierung des Gesundheitswesens. Die individuelle finanzielle Leistungsfähigkeit wird berücksichtigt. Privilegien der Privaten Krankenversicherungsunternehmen sind im Interesse einer einkommens- und vermögensunabhängigen Gesundheitsversorgung abzuschaffen.

Was genau die Privilegien der privaten Krankenversicherungsunternehmen sind, die im Interesse einer einkommens- und vermögensunabhängigen Gesundheitsversorgung abgeschafft werden sollen, ist nicht näher definiert.

Vielleicht kann die AG Gesundheit das nochmals näher umreißen, welche Privilegien die privaten Krankenkassenunternehmen in Deutschland haben, und welche konkret abgeschafft werden sollen.

Wahlprogramm 2021:

Finanzierung

Die Finanzierung des Gesundheitssystems betrachten wir als gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Daher sehen wir in der Einbeziehung sämtlicher Bürgerinnen und Bürger in die Sozialversicherung unter Berücksichtigung möglichst aller Einkommensarten ein sinnvolles Modell zur Finanzierung dieses Systems. Wir erkennen allerdings die Einschränkungen der Wahlfreiheit in dieser Art der Finanzierung für Bürgerinnen und Bürger sowie die Anbieter privater Krankenversicherungen an und verstehen ihre Bedenken. Daher setzen wir uns für einen Volksentscheid ein, um einen gesellschaftlichen Konsens in dieser wichtigen Frage des gemeinschaftlichen Zusammenlebens zu erreichen.

Die Basis der Piratenpartei sieht in der Bürgerversicherung das favorisierte Modell, deren Einführung sie aber im gesellschaftlichen Konsenses von einem Volksentscheid abhängig macht.

Ich persönlich mag solche Formulierungen in Programmen gar nicht, da sie nichts Halbes und nichts Ganzes sind. Da es keinen Volksentscheid im Grundgesetz gibt, der eine Möglichkeit vorsähe, solche Dinge über einen Volksentscheid zu beschließen, müsste man also erst eine Grundgesetz-ändernde Mehrheit für einen Volksentscheid erhalten, bevor man über eine Bürgerversicherung reden könnte. Damit manifestiert man das derzeitige System und hat eigentlich nichts beschlossen und muss sich auch über die Folgen keine Gedanken machen. Solche Formulierungen sind für mich immer persönlich programmatisch mehr oder minder, als nicht vorhandene Postion zu behandeln. Da würde ich mir dann schon ein richtiges Votum für oder gegen eine Bürgerversicherung wünschen, damit man eine planbare Gesundheitspolitik hat.

  • Welche Veränderungen beabsichtigt die Piratenpartei bis einen Volksentscheid darüber möglich wäre?
    Immerhin liegt unser Gesundheitssystem jetzt am Boden und benötigt eine Erneuerung.

Bei unseren Nachbarländern, die eine Bürgerversicherung eingeführt haben, bestehen auch noch die ähnlichen Probleme wie zuvor. Ob die einzelnen Modelle der dortigen Bürgerversicherung gerechter sind, lässt sich auch trefflich streiten. Von der Einführung von Eigenbeteiligungen bis zur Option der privaten Zusatzversicherung für Mehrleistungen gibt es da auch alles und damit auch wieder die Grundlage für eine “Zwei-Klassen-Medizin”.

Ich finde es toll, dass Du Beispiele von Karl Lauterbachs Buch über die Zweiklassenmedizin aus 2007
heranziehst und regelmäßig zitierst, ich schätze ihn als Gesundheitspolitiker sehr, aber seit dem Erscheinen des Buchs hat sich auch einiges bereits verändert in den gesetzlichen Vorgaben für die private als auch gesetzliche Versicherungswirtschaft.

Man könnte aber genauso behaupten, bei der Bürgerversicherung und der Beibehaltung des budgetierten gesetzlichen Vergütungssystems die renommierten Ärzte aufgrund der schlechteren Verdienstmöglichkeiten alle ins Ausland abwandern würden.

Diese pauschale Annahme ist genauso wenig zielführend und populistisch wie die andere. Denn man kann von Einzelbeschreibung nicht auf die Gesamtheit der Ärzteschaft schließen.

Und all die Beispiele und Annahmen von Karl Lauterbach beantworten aber auch nicht meine Fragen zur Zukunft unseres Gesundheitssystems.

Die Dualität des Versicherungssystems besteht bereits seit vielen Jahren.

Das Gesundheitssystem ist aber erst in den letzten 40 Jahren notleidend geworden.
Dafür gibt es vorwiegend demografische Gründe, denen man nicht frühzeitig entgegengetreten ist und viele Sparmaßnahmen zwecks Erhaltung der Beitragsstabilität. Die Rücklagen, genauer gesagt Finanzreserven der gesetzlichen Versicherungen werden meines Wissens aufgrund des Umlagecharakters mittlerweile für die Beitragsstabilität verwendet. Man möge mich korrigieren, falls meine Erinnerung an ein entsprechende gesetzliche Regelung trügt. Denn Überschüsse in den gesetzlichen Krankenkassen gab es in den letzten Jahrzehnten und verschiedene Formen der Rücklagenbildungen. Es wird also in die Beitragsstabiltiät investiert und nicht in das Gesundheitssystem mit den Rücklagen. Überschuss/Defizit der gesetzlichen Krankenkassen bis 2020 | Statista Der Unterschied zu dem Verhalten der privaten Versicherungen ist damit gar nicht so groß.

Mit einem wachsenden Rentneranteil unter den Mitgliedern der gesetzlichen Krankenkasse und gleichzeitig einkommen-orientieren Beiträgen schrumpft die Einnahmebasis der GKV leider und die Ausgabenseite steigt.
Quelle: Demografischer Wandel | D | Lexikon | AOK-Bundesverband

Das Gesundheitssystem in Deutschland hat meines Erachtens mit der Veränderung des Vergütungssystems in der Gesundheitsreform 1993 und ihrer aufbauenden Reform 2004 erstmalig dazu geführt, dass es bei Vertragsärzten zu einer Schieflage in Sachen Finanzierung kommen konnte. Die Budgetierung der Vergütung führte zur Unterfinanzierung und auch einer größeren Schere zwischen Privat und gesetzlich versicherten.
Die ärztliche Vergütung sieht vor, dass ein niedergelassener Arzt für jede am gesetzlich versicherten Patienten erbrachte Leistung einen festen Geldbetrag erhält. Das Honorar orientiert sich dabei am einheitlichen Bewertungsmaßstab (EBM) und der budgetierten morbiditätsbedingten Gesamtvergütung (MGV).
Mit dem GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetz zahlt jede Krankenkasse an die Kassen(zahn)ärztlichen Vereinigungen für die vertrags(zahn)ärztliche Versorgung mit befreiender Wirkung eine Gesamtvergütung als Ausgabenobergrenze. Nennt man Morbiditätsbedingte Gesamtvergütung
Wenn ich nur noch Summe xy im Kalenderjahr in einem bestimmten Ausgabenbereich für alle Versicherten der Gesetzlichen Krankenversicherung ausgeben darf, ist die Unterversorgung doch vorprogrammiert. Weil die ärztliche Behandlung, die vorgenommen wurde, eben nicht mehr leistungsgerecht abgerechnet werden konnte.
Die Ursachen liegen dann aber meines Erachtens dann doch nicht in dem leistungsbezogenen Vergütungsmodell der privaten Versicherung, sondern in dem budgetierten Vergütungsmodell der gesetzlichen Versicherung.
Wenn mit einer Bürgerversicherung zum Beispiel nun alle Leistungen nur noch im budgetierten Vergütungsmodell erbracht würden, würde sich das Einkommen der Ärzte schmälern. Damit würden sich die Versorgungsleistung für alle aber doch nicht automatisch verbessern.
Warum ist dann die private Versicherung daran schuld sein soll, dass ein Arzt aufgrund des Vergütungsmodells der gesetzlichen bei der Behandlung eines gesetzlich Versicherten kein Geld verdient, ist mir noch immer nicht nachvollziehbar.
Daran ist und bleibt allein die Budgetierung innerhalb gesetzlichen Versicherung schuld.

Daraus folgen für mich nachfolgende Fragen:

Dass ein solches Budgetmodell besteht, ist die Entscheidung des Gesetzgebers und nicht die Entscheidung der Versicherungen gewesen.

  • Wie soll sichergestellt werden, dass bei einer Bürgerversicherung nicht ebenso eine nicht budgetierte Vergütung endet und damit eine generelle Unterfinanzierung stattfindet?
  • Wie soll der Honorararzt denn Geld verdienen bzw. die laufenden Kosten seiner Praxis bestreiten, wenn es nur noch Budgets gäbe?
  • Geht die Gesundheitspolitik der Piratenpartei davon aus, dass mit Wegfall einer privaten Krankenkasse ein Budgetmodell in einer gesetzlichen Versicherung wegfallen könnte bzw. würde?
  • Reichen die Beiträge der privat Versicherten für eine Aufhebung der budgetierte vertragsärtzliche Vergütung aus?

Sollte man nicht eher zunächst die Budgetierung der Vergütung bei der vertragsärtzlichen Behandlung politisch bekämpfen?
.
Es ist doch das Vergütungssystem, was das Problem herstellt, und zwar das gesetzlich beschlossene, sprich das staatlich beschlossene und nicht das privatwirtschaftlich beschlossene.

Hast du dafür eine Quelle?

Die Fallpauschale gilt im Krankenhaus sowohl für den Privat- als auch für den gesetzlichen Patienten.
Quelle - ACHTUNG DOWNLOAD https://www.g-drg.de/content/download/9946/72017/version/1/file/Fallpauschalenkatalog_2021_20201106.pdf?pk_campaign=drg19&pk_kwd=fpk19

Das ist die Vereinbarung der gesetzlichen und privaten Versicherungen mit den Krankenhausträgern, wie das Vergütungssystem erfolgen soll. Sprich, es gibt einheitliche Fallpauschalen für gesetzlich und privat Versicherte.

„Wenn es um die allgemeinen Krankenhausleistungen geht, also die ärztliche Versorgung und Pflege, sind die Leistungen der Gesetzlichen Krankenversicherung und der Privaten Krankenversicherung gleich. Dies gilt für alle öffentlichen Krankenhäuser, die sogenannten „Plankrankenhäuser". Die Kosten der Behandlung werden den Krankenversicherungen über sogenannte „Fallpauschalen“ in Rechnung gestellt. Nicht der Versichertenstatus oder die Aufenthaltsdauer in der Klinik bestimmen dabei die Höhe der Rechnung, sondern – vereinfacht ausgedrückt – die Diagnose und damit zusammenhängend die notwendige Behandlung. GKV und PKV zahlen also gleiches Geld für gleiche medizinische Leistungen. Allerdings müssen gesetzlich Versicherte im Unterschied zu Privatversicherten genau definierte Zuzahlungen zu einzelnen Leistungen aufbringen.“
Quelle: PKV: Stationäre Versorgung

Wenn es um eine Ungleichbehandlung geht, ist es also allein die Wahlleistungen im Krankenhaus:
Quelle: Wahlleistungen | W | Lexikon | AOK-Bundesverband.

„. Wahlleistungen sind gesondert zwischen Krankenhaus und Patientin bzw. Patient zu vereinbaren. Dabei ist die Patientin bzw. der Patient unabhängig von ihrem bzw. seinem Versicherungsstatus (gesetzlich oder privat krankenversichert, beihilfeberechtigt, privat krankenzusatzversichert) selbst Vertragspartner/in und somit Kostenträger der in Rechnung gestellten, vereinbarten Leistungen. Eine sogenannte Wahlleistungsvereinbarung kann sowohl nichtärztliche Wahlleistungen (z.B. 1-Bett-Zimmer) als auch ärztliche Leistungen (wahlärztliche Leistungen) beinhalten. Eine automatische Kopplung wahlärztlicher Leistungen z.B. an die Vereinbarung einer besonderen Unterbringung ist nicht zulässig.“

Sprich alle die Wahlleistungen in Anspruch nehmen wollen, müssen diese zusätzlich vereinbaren, egal ob gesetzlich oder privat versichert. Und diejenigen, die es nicht selbst zahlen wollen, müssen es zusätzlich versichern.
Die von dir angesprochene Ungleichbehandlung erfolgt also nicht durch die Dualität der privaten Versicherung und der gesetzlichen Versicherung, sondern durch die Möglichkeit aller, die sich das leisten können, eine Zusatzversicherung über Wahlleistungen abzuschließen.

  • Aber was ändert sich bei einer Bürgerversicherung dann?
  • Alle Modelle in unseren Nachbarländern, die ich kenne, haben die Option einer privaten Zusatzversicherung über Wahlleistungen?
  • Sollen die Option der privaten Zusatzversicherung für gesetzlich Versicherte wegfallen?

Wir sollten endlich dazu übergehen in die Sachthemen einzusteigen, statt nur von Gerechtigkeit zu reden. Denn Gerechtigkeit in der Gesundheitsversorgung ist kaum möglich. Denn die wird es nie geben. Denn nicht jeder Arzt verfügt über die gleichen Fähigkeiten. Der eine wird von einem schlechten Arzt behandelt, der andere von einem guten, der Experte fällt egal ob gesetzlich oder privat mal eine Fehldiagnose mal nicht. Dem Reichen wird es noch immer möglich sein, sich im Ausland behandeln zu lassen. Die absolute Gerechtigkeit kann es nicht geben. Man kann nur ähnliche Chancen herstellen und dass für alle eine gute Gesundheitsversorgung möglich erscheint.

Und das sollte das Ziel sein, wie stelle ich eine optimale Gesundheitsversorgung für die Menschen her.

Ich kenne unzählige Menschen, die als Kassenpatient in Universitätskliniken von Fachärzten und Experten bei entsprechender Notwendigkeit behandelt wurden. Es wird sicherlich solche Fälle wie Lauterbach sie beschreibt geben, aber ich kenne persönlich auch so einige Ärzte und meines Erachtens hängt vom moralischen Kompass des behandelnden Arztes ab. Aber das wird es immer.

Gibt es da aktuelle Erhebungen zu?
Die Passagen stammt ja aus Karl Lauterbachs Ausführungen zur Bürgerversicherung aus dem Jahre 2003´4 in der er auf Seite 18 dazu ausführte, dass er die Gefahren sieht, dass sich das in der Forschung niederschlagen werden. Ich persönlich sehe diese Entwicklung in der Gesundheitsforschung nicht bestätigt, habe aber auch nur einen Außeneinblick. Daher wäre ich an einer aktuellen Position dazu interessiert. 18 Jahre ist schon ein langer Zeitraum.

Das liegt aber an den Vorgaben der gesetzlichen Versicherung und nicht an der privaten Versicherung. Ich bin ja schon ein wenig älter und habe noch Zeiten miterlebt, in der die gesetzliche Versicherung eben die Wahlfreiheit des Arztes bot. Man war nicht auf eine Überweisung durch den Hausarzt angewiesen und konnte direkt den Facharzt seiner Wahl aufsuchen. Warum man nun die private Versicherung, die diese Änderung nicht vollzogen hat, als Schuldigen ansieht, für die durch den Gesetzgeber vorgenommenen Beschränkungen bei der gesetzlichen Versicherung bleibt für mich ein Rätsel. Und müsste man nicht eher die Wahlfreiheit in der gesetzlichen Versicherung wieder herstellen? Was habe ich denn gewonnen mit einer Bürgerversicherung, die mir diese Wahlfreiheit noch immer verwehrt. Das liegt doch an den gesetzlichen Vorgaben und nicht an den Ärzten.

Wenn einer sagt, er hielte es für gerechter, wenn alle in die Bürgerversicherung einzahlen, aber ihm ist bewusst, dass damit die Unterfinanzierung des Gesundheitssystems bleibt, sich in eigenen Bereichen sogar verschärft, dann gehe ich absolut mit. Finde es aus diesem Grund auch legitim.

Aber wir brauchen dann dennoch Lösungen, wie wir das Gesundheitssystem verbessern und besser finanzieren.
Die Annahme, dass mit Abschaffung einer privaten Versicherung das Gesundheitssystem besser finanzierbar und eine Verbesserung für die Patienten eintreten würde, kann ich nach wie vor nicht nachvollziehen und wurde mir bislang noch nicht beantwortet.

  • Wie soll eine vom Gesetzgeber staatliche Bürgerversicherung sicherstellen, dass die Gesundheitsversorgung besser wird?
  • Reicht eine Bürgerversicherung aus, müsste nicht eine komplette Reform inklusive Veränderungen der Vergütungssysteme der gesetzlichen Versicherungen erfolgen?
  • Liegen die Probleme nicht in den Vergütungssystemen der gesetzlichen Versicherung?
  • Liegen die Probleme der Unterfinanzierung der Krankenhäuser nicht in der Systematik der Krankenhausfinanzierung?
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Momentan ist es halt unglaublich ungerecht:

Ein Arbeitnehmer mit 4500 Euro Einkommen zahlt 700 Euro Beitrag
(einschließlich Arbeitgeberanteil).

Von diesen 700 Euro werden etwa 350 Euro verwendet, um damit die
medizinische Versorgung von Einkommensschwachen zu finanzieren,
während ein privat Versicherter mit genau dem gleichen Einkommen
nicht einen einzigen Euro für die Solidargemeinschaft aufbringt.

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Aber das ist doch gerade das Problem:

Es hängt vom Gutdünken und dem moralischen Kompass des behandelnden Arztes ab.
Anders ausgedrückt: Der Arzt, der eigentlich nur das Beste für den Patienten will, sieht
sich dem Druck des Controllings und des Kaufmännischen Direktors ausgesetzt, möglichst
nur “lukrative” Patienten zu behandeln.

Dadurch, dass immer mehr Krankenhäusern die Schließlich droht, ist der ökonomische
Druck gewaltig - und der wird natürlich vom Kaufmännischen Direktor weitergereicht -
an Ärzte, Stationsleitungen usw.

Schlimmer noch: Der einzelne Arzt gerät sogar in einen Gewissenskonflikt: Soll er gemäß
dem Hypokratischen Eid handeln - oder gemäß den Vorgaben seines Chefs (=Kaufmännischer
Direktor).

Ohh, liebe Miranda, ich weiß gar nicht, wo ich anfagen soll?
Wer hat Dich bloß auf diese extrem steilen Thesen gebracht?

Also - hier hörst Du Dich an wie ein Beton-Liberaler. Wie Philipp Rösler zu seinen
besten Zeiten.

Wir reden hier vom Gesundheitssystem! Soll das Überleben vom Einkommen
abhängen? Wenn Du das meinst, dann haben wir ein Verständnisproblem über
Staat, Gemeinschaft und Demokratie im Allgemeinen!

Du fragst ganz grundsätzlich.

In einer humanistisch-egalitären Gesellschaft muss jedes Mitglied dieser Gesellschaft gleichermaßen Zugang zur medizinischen Versorgung haben. Denn der Wert des Einzelnen bemißt sich auch in der medizinischen Versorgung, in dem Aufwand, ihn bei Krankheit zu retten. Schon deshalb ist dort gar kein Platz für die (heutige) Private Krankenversicherung.

Die Bevorzugungen der Privilegierten in der 2-Klassengesellschaft sind - leider - keine Kleinigkeiten oder “nur” Schieflagen der (sozialen) Gerechtigkeit. Nein, sie greifen das Selbstverständnis unseres Staates, unserer Demokratie an. Sie zermürben die Gemeinschaft und ruinieren sogar unseren gemeinsamen Wohlstand.

Die PKV mag zwar für junge gesunde Menschen mit relativ preiswerten Tarife locken,
diese steigen aber mit dem Alter so stark an, dass sich das nur die wirklich reichen
leisten können. D.h. die PKV ist auch für die PKV-Versicherten kein solidarisches System.
Sie ist - um es positiv auszudrücken - ein privatwirtschaftliches Unternehmen, das
Rendite erwirtschaften muss. Und das passt nicht: “Privat versichern - mit Profiabsicht” -
und “Solidarität in der Gemeinschaft” - diese beiden schließen sich aus.

Wie das in einem reinen PKV-Land aussieht, kann man in den USA sehen: Sie haben
das ineffektivste und unsolidarischste Gesundheitssystem der westlichen Länder. Wir
haben so ein “Zwischensystem” - eben ein duales. Mit erheblichen Verzerrungen bei
Allokationen, und Ungerechtigkeit auf allen Ebenen.

Ich frage mich eigentlich täglich:

— Wie soll ich einem jungen Menschen, der ins Erwerbsleben eintritt, erklären, dass er Sozialabgaben zahlen muss - es gleichzeitig aber eine Gruppe Privilegierter gibt, die das nicht tun muss?

— Wie soll ich ihm erklären, dass er im Falle einer schweren Krebserkrankung nicht von den besten Spezialisten behandelt wird (obwohl dies ökonomisch möglich wäre - und obwohl dies oft über Leben und Tod entscheidet)?

— Wie soll ich ihm erklären, dass er sehr wohl Solidarabgaben (etwa 1/3 bis 1/2 in der GKV) zahlen muss, selbst aber tendenziell schlechter behandelt wird und im Falle einer schweren OP Opfer der Drehtürmedizin werden wird?

==> Ein Zweiklassenstaat fördert die moralisch niedrigsten Verhaltensweisen in seiner Bevölkerung und hat gleichzeitig nicht die moralische Autorität, sich darüber zu erheben.

Deshalb: Der erste (und wichtigste) Schritt zu mehr Gerechtigkeit - weg von der 2-Klassen-Gesellschaft - ist die Abschaffung der PKV.

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Ohne auf die sich wiederholenden Aussagen einzugehen, dazu vielleicht später, wäre ich dankbar unter Verweis auf die meine obige Aussagen.

Zusammenfassend nochmals meine ganzen Fragen aus den beiden Beiträgen:

  • Reicht das Einzahlen aller privat Versicherten in eine gesetzliche Versicherung zur Verbesserung des Gesundheitssystems aus?
  • Alle Modelle in unseren Nachbarländern, die ich kenne, haben die Option einer privaten Zusatzversicherung über Wahlleistungen. Soll die Option der privaten Zusatzversicherung für Bürgerversicherte wegfallen?
  • Endet die Bürgerversicherung nicht am Schluss auch in einer Zwei Klassen Medizin, soweit noch Private Zusatzversicherungen möglich sind oder die Option des Selbstzahlens?
  • Will man Ärzten untersagen Selbstzahler zu behandeln? Wie werden Menschen, die aus dem Ausland kommen und sich hier behandeln lassen dann versorgt?
  • Was würde die Bürgerversicherung an der Krankenhausfinanzierung und der Ausstattung und Verbesserung der ärztlichen Behandlung tatsächlich finanziell verbessern?
  • Wie soll sichergestellt werden, dass bei einer Bürgerversicherung nicht ebenso eine nicht budgetierte Vergütung oder Fallpauschalen Vergütung endet und damit eine generelle Unterfinanzierung stattfindet?
  • Wie soll der Honorararzt denn Geld verdienen bzw. die laufenden Kosten seiner Praxis bestreiten, wenn es nur noch Budgets gäbe?
  • Reichen die Beiträge der privat Versicherten für eine Aufhebung der budgetierte vertragsärztliche Vergütung aus?
  • Welche Veränderungen beabsichtigt die Piratenpartei bis einen Volksentscheid darüber möglich wäre?
  • Wie soll eine vom Gesetzgeber staatliche Bürgerversicherung sicherstellen, dass die Gesundheitsversorgung besser wird?
  • Reicht eine Bürgerversicherung aus, müsste nicht eine komplette Reform inklusive Veränderungen der Vergütungssysteme der gesetzlichen Versicherungen erfolgen?
  • Liegen die Probleme der Unterfinanzierung der Vertragsärzte nicht in dem Vergütungssystemen der gesetzlichen Versicherung?
  • Liegen die Probleme der Unterfinanzierung der Krankenhäuser nicht in der Systematik der Krankenhausfinanzierung?
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