Ist die Zeit der Protestbewegungen vorbei?

Wenn ich mir Bewegungen, wie die FridaysForFuture-Bewegung anschaue, dann fällt mir auf, dass das doch schon alles einmal da war, nur eben heute noch weniger passt, als früher.

  1. Heutzutage ist die Gesellschaft und vorallem die Jugend noch differenzierter in ihren Interessen, als die Gesellschaft damals. So hat ein bürgerlicher Jugendlicher inzwischen einen wesentlich größeren Bildungshorziont und materielle Möglichkeiten, als ein Jugendlicher aus einem Arbeiterhaushalt. Und ein Jugendlicher mit Migrationshintergrund hat mit ganz anderen Problemen zu kämpfen, z.B. dem fehlenden Zugehörigkeitsgefühl zur Mehrheitsgesellschaft, als diese beiden Gruppen. So dominiert bei den Protesten ein post-materielle Ideologie, obwohl gerade das materielle für viele junge Menschen immer noch der größte Anreiz ist etwas aus ihrem Leben zu machen (FDP hat die meisten Stimmen bei den Erstwählern).

  2. Ein Klima-Protest für die Einhaltung eines 1,5 Grad Ziels ist zwar genauso undifferenziert und versammelt damit ähnlich viele Menschen hinter sich wie ein Protest für den Weltfrieden (Man kann auch für 0 Bürgerkriege protestieren), ist durch seine Unkonkretheit jedoch auch genauso inhaltsleer. Die Friedensbewegung war doch nur deswegen erfolgreich, weil sie gegen konkrete politische Maßnahmen, wie z.B. dem Vietnamkrieg, oder in Deutschland gegen Atomwaffen und Atomenergie, protestiert hat. Wo ist die konkrete politische Maßnahme gegen die sich die Klima-Proteste richten?

  3. Die mediale Berichterstattung framt alles unter den Begriff des Klimas und das macht diesen Protest in seiner medialen Wirksamkeit populistisch. Denn wenn man zwar bestimmte Sachen gegen die FFF protestiert unterstützt, jedoch mit dem Frame unglücklich ist, dann hat mein ein Problem. Statt also grundsätzlich eine konstruktive Diskurs- und Protestkultur zu etablieren, bleibt der Protest der Avantgarde bürgerlicher Kinder, die sich in ihrer Freizeit über Arbeiterkinder lustig machen, vorbehalten.

Die bürgerliche Jugend ist eine technokratiegläubige Jugend ohne Gott, mit dem Anspruch jeden belehren und bekehren zu müssen, sonst macht man sich eben “schein-ironisch” (“Schein”-Ironisch", weil jemand der keine Selbstironie hat und Ironie als Vehikel benutzt um andere “lustig” beleidigen zu können, keine wirkliche Ironie besitzt, sondern schlicht ein hämisches A…loch, im Sinne von “Hehehe, ich liege richtig und du liegst falsch”, ist) über die Nicht-Belehrbaren lustig. Die Wissenschaft hat man ja auf seiner Seite und so zitiert man wissenschaftliche Studien, wie die Juristen ihre Gesetzestexte, ohne das daraus ein wirklich breiter und konstruktiver Diskurs ensteht in den auch ein Laie einsteigt.

Und jetzt nochmal an euch ihr bürgerlichen Kinder: wäre ein Mathelehrer, der sich über das falsche Ergebnis eines Schüler lustig macht und nicht mal erklärt wie er auf die richtige Lösung gekommen ist, ein guter Lehrer bzw. wer sagt dann, dass der Mathelehrer nicht einfach den Taschenrechner besser bedienen konnte und nicht wirklich weiß, wie das Ergebnis zustande kommt, somit eigentlich genauso wenig, wie der Schüler mit dem falschen Ergebnis, weiß?

PS: Das ist meine rein subjektive Wahrnehmung. Daran ist nichts wissenschaftlich.

Spielst Du hier auf Ödön von Hôrvaths Roman an? Da beschreibt er eine faschistische Jugend. Das würde einen Godwin droppen und wird darüberhinaus dem Problem nicht gerecht.

Eine “Jugend ohne Gott”, besser noch eine ganze Gesellschaft im buchstäblichen Sinne würde ich begrüßen, da sie dem Glauben an Mythen Wissenschaft und Aufklärung entgegensetzt und damit besser geignet ist den anstehenden Problemen zu begegnen. Das als “Technokratiegäubigkeit” zu denunzieren zeugt von einer zutiefst rückwärtsgewandten und unpiratigen Geisteshaltung.

Ich mag deine Ausdrucksweise nicht. Ich denunziere niemand. Ich möchte niemanden belehren. Und ich hoffe sogar falsch zu liegen.

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Wann war „damals“?

Ist das etwas schlechtes?

Das Problem „mit der Jugend“ sind jetzt weniger ihre Abkehr vom kanaanitischen JHWH-Kult und ihre Akzeptanz der Erkenntnisse der Medienwissenschaften („Technokratiegläubigkeit“), es ist doch vielmehr, dass „die Jugend“ in einer behütenden Gesellschaft aufwächst, in der sie für elementare Rechte nicht mehr kämpfen muss. Klar, die Demokratie ist verbesserungsfähig (Volksentscheide fehlen sehr) und auch die Gründe für die Existenz der Piratenpartei sind noch immer ungelöst (ich darf immer noch nicht einfach so beliebige Medien auf beliebige Weise mit beliebigen Menschen tauschen), aber die Gesellschaft ist nach Jahren des „Aber die AfD! Aber Trump! Aber das Patriarchat! Aber das Klima! Aber irgendwelche Viren!“ weichgekocht - wer nicht die am lautesten als drängendstes Problem annoncierten Geschehnisse für die wichtigsten hält, der wird etikettiert und ist raus.

Wofür muss die Jugend heute kämpfen? Sie haben doch alles, was ihnen wichtig ist: YouTube, Instagram und ein Dach überm Kopf.

Kein Wunder, dass die von Kindern aus wohlhabenden Familien angeführten Klimahüpfer so erfolgreich sind: Wer keine Existenzangst haben muss, dem reichen Brot und Spiele.

Es besteht kein zwingender Widerspruch zwischen Mythen und Wissenschaft.

Eine relative kurze Zeitspanne in den Nachkriegsjahren bzw. als die Boomer erwachsen wurden und in denen sich viele soziale Bürgerrechtsbewegungen herausbildeten, sich sogar in einer größeren Friedensbewegung junger Menschen, genannt 68er vereinten und die materielle Ungleichheit geringer war, als heute, auch wenn der Gesamtwohlstand der Gesellschaft geringer, als heute.

Für mich ja, Da es etwas Weltfremdes bzw. Realititätsfremdes an sich hat. Denn zum Menschsein gehört nunmal mehr, als mathematische Gleichungen zu lösen und auf wissenschaftliche Quellen zu verweisen.

Nichts von dem, was mit Beginn der Bundesrepublik und dieses anderen Staates da formiert worden war, existierte zu diesem Zeitpunkt nicht schon seit Jahrzehnten. Neu waren einzig:

  • Die Friedensbewegung - in der Form entstanden: spätestens 1914 - fand großen Zulauf. Der 2. Weltkrieg hatte die Deutschen dann doch endlich mal davon überzeugen können, dass das preußische Militär nicht unbesiegbar ist.
  • Es hatte sich an den extremen Rändern des Spektrums, von KPD bis rechts außen (dort fand in den frühen 1950er Jahren einige Konsolidierung statt), die Erkenntnis durchgesetzt, dass der bewaffnete Bürgerkrieg nicht die weiseste Art der politischen Überzeugungsarbeit ist. Ein weiter Weg seit den Straßenschlachten von 1922, immerhin.

Das Nichtanhängen einer monotheistischen (oder überhaupt theistischen - Buddhismus ist auch ohne Gott) Religion ist unmenschlich?

Der Kern meiner Argumentation ist aber ein anderer. Die Ansätze vieler Bewegungen waren zwar vorher bereits vorhanden. aber eine wirklich breite Bewegung wurde es, weil fast eine ganze Generation junger Menschen dem anhing. Heute ist eher wieder so, dass die Jugend gespalten bzw. genauso gespalten ist, wie der Rest der Gesellschaft. Die bürgerlichen Kinder wollten früher nicht so werden wie ihre Eltern, weil das Nazis oder Mitläufer waren. Die heutigen bürgerlichen Kinder wollen genauso sein wie ihre Eltern sein und haben genauso Angst um ihren Besitz wie diese. Der Abstand von Arbeiterkind zu bürgerlichen Kind soll der gleiche bleiben, nur unter einem anderen Vorzeichen.

Da stellen für mich viele kleine Gollums dar. Nur wird sich, statt an einen Ring, an Klimanziele und einen ungesunden Perfektionismus geklammert.

Es gab 1949 keinen Konsens der Jugend.

Nein, das nicht. Mythen können Wirklichkeit erklären. Das Problem entsteht wenn Glauben Erkenntnis ersetzt und der Mythos unüberprüft zur Wahrheit erklärt wird.

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Einen größeren Konsens als heute. Einfache Frage: Wie viele bürgerliche Kinder konnten in ihren Eltern Vorbilder finden, wo doch die meisten ehemalige Nazis oder Mitläufer waren?

Es ist Dein gutes Recht, meine Ausdrucksweise nicht zu mögen. Was Du tust oder rnicht tust, entscheidet die Form die Du gewählt hast und nicht Dein Wille - du kannst schreiben “ich will nicht denunzieren”, das gestehe ich Dir dann auch gerne zu. Im nächsten Satz schreibst Du das genau so.

Dein letzter Satz macht mir Hoffnung. Es scheint nicht alles verloren. Übrigens liegen wir meist falsch wenn wir über “die Jugend” räsonieren - ein Grund, warum ich das nicht tue.

> Ich habe überhaupt keine Hoffnung mehr in die Zukunft unseres Landes, wenn einmal unsere Jugend die Männer von morgen stellt. Unsere Jugend ist unerträglich, unverantwortlich und entsetzlich anzusehen."
Aristoteles

Lass uns zuhören und mit den jungen Menschen sprechen statt über sie.

Bis zum Verbot der SRP war die Nachkriegsgesellschaft gespaltener als die heutige.

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Aber Konsens besteht schon darin, dass die FFF etwas schmaler ist, als die 68er bzw. weniger gesellschaftliche und kulturelle Breitenwirkung hat? Ich meine die Bürgerrechtsbewegungen und die Friedensbewegung traten für mehr Freiheit für alle ein, die FFF tritt für weniger Freiheit bestimmter Bevölkerungsgruppen ein, die sich dann z.B. keinen Urlaub oder Auto mehr leisten können?

Haja, Du regst Dich so herrlich über die heutige Jugend,
besonders über die “Bürgerliche Jugend” auf.

Naja, jede Protestgeneration greift die Probleme ihrer Zeit auf.
Für die 68iger waren es der konservative Mief der Nachkriegsjahre.
Heute haben wir zwar in einigen Bereichen auch noch etwas
“konservativen Mief”, aber das Hauptproblem zur Zeit ist in der Tat
der Klimawandel.

Mehr Freiheit?

Wenn wir den Klimawandel nicht in den Griff bekommen, also das 1,5-Grad
Ziel nicht einhalten, dann isses mit der Freiheit ziemlich schnell ganz aus.
Jedenfalls für die nächste Generation. FFF tritt also für das Beibehalten
der wesentlichen Freiheiten ein. Für die Möglichkeit, unter einigermaßen
aushaltbarem Klima weiterleben zu können.

Du kommst wir vor wie einer der vielen Kritiker von FFF, die nicht verstehen,
dass man ein brennendes Haus sofort mit viel Einsatz und Wasser löschen
muss. Stattdessen guckst Du, kritisierst die Löschenden und beklagst, dass
das neben dem Haus stehende Auto dabei nass werden könnte.

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Heutzutage haben wir Konservative, die nicht als Konservative bezeichnet werden wollen, sondern als Linke (siehe Wagenknecht Buch: “Die Selbstgerechten”). Und wir haben eine bürgerliche Jugend, die in ihrerer Jugend bereits bürgerlicher ist, als es ihre Eltern jemals waren.

Eine bürgerliche Jugend die Selbstkasteiung öffentlichkeitswirksam auf Instagram als erstrebenswertes Ziel inzeniert, aber selbst ganz ungeniert um die Welt reist, handelt nicht wirklich moralisch, sondern versucht das eigene Handeln mit einer so wackligen Argumentation zu rechtfertigen, dass bereits an der nächsten wackligen Argumentation gefeilt wird, während die erste in sich zusammenfällt.

Werden wir nicht, ist wissenschaftlicher Konsens. Hätten wir längst müssen. Vor Jahren.

FFF ist viel weniger ein globales Phänomen als viel mehr eines in Deutschland. In den USA spielt das alles z.B. viel weniger eine Rolle von den Schwellenländern mal ganz zu schweigen. In Nigeria wirst du kaum jemand finden wo gegen ein neues Kohlekraftwerk protestiert. In den USA scheitert gerade die Biden Regierung mit ihrer Wirtschafts und Klima Politik, von FFF Massenprotesten hört man jedoch nicht all zu viel von dort.

Würde daher mal davon ausgehen das sich Weltweit die Jugend nicht sonderlich für das Thema “Weltrettung” interessiert. In Deutschland wird das eben auch viel mehr gehyped da wir hier einen sehr viel moralistischeren Journalismus haben.

Wenn ich mir FFF ansehe, wie viele von denen (Nicht alle) Gegen Kleinparteien gepöbelt und zur Wahl der Grünen aufgerufen haben. Da scheinen wohl einige auf eine Karriere bei den Grünen hinzuarbeiten. Andere wählen halt ganz direkt die Karrieristen-Partei FDP. Denn das ist es was am Ende am meisten zählt, der eigene Soziale Status und Zugewinn an Macht/Geld. Das ist ja bekanntlich schon immer so gewesen, das sich das einfach mal so ändert davon sollte man mal besser nicht ausgehen. (Niccolo Macciavelli lesen ist hier sehr lohnend).

Die Möglichkeit zu wirklich tief greifenden politischen Änderungen sehe ich daher nicht. Schon zumal die meisten Politiker/Bürokraten wohl mehr an ihrer Karriere/Macht arbeiten als an einem wirklichen Vorankommen der Gesellschaft. Aktivismus und Protestbewegungen sind somit eher erstmal recht oberflächlich und bewirken nicht viel. Es sei denn Sie sind so stark das es reicht um eine Revolution zu bewirken, z.B. so wie 1989 aber auch dann eher nur mit Unterstützung von oben.

Eher das einige Unternehmer dann das Problem langfristig lösen. Wenn Solar/Elektromobilität immer günstiger wird dann setzen sich eben Unternehmen wie TESLA am Markt durch. Unternehmer wie Musk haben da eben einen ehrgeizigeren und weiteren Horizont als die Bürrokratien und Parteien. Zumal auch die Macht das einfach zu machen, was Protestbewegungen und Aktivisten komplett fehlt weil die prallen an der Bürokratie einfach ab und können nicht viel mehr tun als einfach nur wirkungslos irgendwas zu fordern und dann irgendwann frustriert aufzugeben weil so nix erreicht wird. Die Demokratie als Handlungsfähiger Akteur befindet sich global gesehen im Niedergang, so das da nicht mehr viel zu erreichen sein wird.

Meine Einschätzung: Mit demokratischen Mitteln etwas zu erreichen wird wohl immer schwieriger, daher wird um so mehr von Technik und Unternehmergeist abhängen. Wer heutzutage etwas verändern will sollte daher nicht Protest-Aktivist werden sondern global denkender Unternehmer. Wer das nicht kann, gibt ja immer noch die Möglichkeit in Solarfirmen, TESLA usw zu investieren (Aktien) Kann sich sogar lohnen und bewirkt am Ende mehr als sein Geld an irgendwelche Aktivisten zu spenden.

Protestbewegungen waren eigentlich nie so richtig erfolgreich.

Die Antiatomkraft-Bewegung hat erst dann angefangen in Deutschland Bedeutung zu bekommen, als sie eine Partei gegründet haben und in die Parlamente eingezogen sind.

Die 68er haben nichts erreicht und die ganz Frustrierten sind dann in den Terrorismus gerutscht. Was letztlich auch nichts gebracht hat.

Die etablierte Grüne Partei wird wird die FFF Wählerstimmen abgraben (5%-Hürde und so) und es wird weiter praktisch nichts passieren.