Gibt es eine Problematik neben einer Bürgerrechtspartei, zugleich auch eine progressive Partei sein zu wollen?

Ehrlich gesagt kommen mir Bürgerrechtsparteien (deshalb bevorzuge ich den Begriff “Menschenrechtspartei”) häufig ziemlich reaktionär und konservativ vor z.B. werden oft die Interessen der Bürger vor Ort oder die Interessen bestimmtes gesellschaftlicher Lobbygruppen (Umweltbewegungen), den Interessen der gesamten Gesellschaft (ökonomischen Interessen) übergestellt, obwohl ein wahrscheinlicher Mehrwert für die gesamte Gesellschaft generiert wird. Es ist schon klar, dass die Interessen abgewogen werden müssen, allerdings sollten eben auch die Vorteile gesehen werden die neue Technologien und Wandel der unmittelbaren Umgebung mit sich bringen.

Seht ihr da überhaupt eine Problematik “Progressiv” und “Bürgerrechtspartei” unter einen Hut zu bringen oder ist das gut vereinbar? Und wenn das gut miteinander vereinbar ist, wie definiert ihr dann progressiv? Progressives Rückwärtsschrauben? Progressive Besteuerung? Progressive Gesellschaftsmodelle? Und wie geht ihr mit dem Gegensatz von Natur und Technik um? Ist das für euch überhaupt noch ein Gegensatz (Stichwort: KI und Biotechnologie)?

Sobald man den Faktor Vernunft mit reinbringt, gehts eigentlich.

Progressiv sein ist ja schön und gut, sollte aber immer im Rahmen der Vernunft bleiben. Insofern: nein, ich sehe kein Problem darin, vernünftige Politik zu machen, die im Rahmen dieser Vernunft progressiv ist. Denn Fortschritt geht durchaus auch vernünftig :slight_smile:

Und wie definierst du dann Vernunft im Zusammenhang mit Fortschritt und bürgerlichen Interessen? Fortschritte in Maßen und wohldosierten Häppchen, die gut verdaubar sind?

Politik, egal ob fortschrittlich oder nicht, muss immer dem Bürger dienen. Politik ist kein Selbstzweck. Das mag der Berufspolitiker zwar so sehen, evtl. auch noch der Träumer und Idealist, aber der Realist weiß, dass das Nonsense ist. Am Ende des Tages zählen Wählerstimmen und Rezeption und die erreichst du nicht, indem du tust, was du total toll und progressiv und richtig findest, sondern, indem du für die Probleme, Sorgen und Wünsche der Bürger geeignete, vernünftige und effektive Lösungen findest. Dafür ist es primär natürlich erstmal immens wichtig, dem Bürger auch zuzuhören und allein daran scheitern schonmal so gut wie alle Parteien regelmäßig.

Es gibt, das ist meine feste Überzeugung, für so gut wie jedes Problem auch eine vernünftige, konstruktive Lösung. Im Zweifel heißt diese Lösung, und das muss man auch als Pirat mal kapieren, vielleicht auch mal nicht “Mehr Technologie! Digitalisierung! GIEF MOAR TECH!”; doch auch diese Lösung kann eine gute und vernünftige sein, wenn sie konstruktiv und umsetzbar ist und die vorhandenen Ressourcen - sei es Manpower, sei es Finanzressourcen - vernünftig nutzt.

Vernunft definiere ich in dem Kontext so, dass man nicht mit Biegen und Brechen möglichst progressiv, verkopft und verquast mit aller Gewalt sein Ding durchziehen will, sondern sich das Problem genau anschaut und eine vernünftige, konstruktive Lösung erarbeitet, die idealerweise der größtmöglichen Teilmenge an Betroffenen zu Gute kommt. Alle wird man nie glücklich und zufrieden bekommen. Man kann aber Lösungen erarbeiten, die für die Mehrheit schlicht gut und effizient sind.

Das sollte m.E. unser Ziel sein. Zur Not auch dann, wenn man für die Lösung keine megatöfte neue Technologie braucht :slight_smile:

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Also eine Bürgerrechtspartei steht für die Freiheitsrechte der Bürger ein. Das ist sehr schwer und unpopulär und hat sehr wenig mit dem zu tun, was du oben schreibst. Freiheitsrechte werden von der Politik nie wegen wunderbaren Lichtgestalten eingeschränkt, sondern man schiebt Terroristen, Kinderschänder und organisiertes Verbrechen vor. Ein Bürgerrechtler muss daher meist die Rechte von diesen Unsympathen verteidigen um die Rechte aller Bürger zu schützen.
Die Piratenpartei hat sich in der Vergangenheit mehrfach nicht wie eine Bürgerrechtspartei verhalten und sollte sich daher nicht als eine solche bezeichnen. Teile der Partei haben 2013 den Bundestagswahlkampf boykottiert, weil ein Spitzenkandidat der Partei in seiner Funktion als Anwalt mal eine rechte Organisation vertreten hat. Der Europawahlkampf 2014 wurde von Teilen der Partei boykottiert weil eine Spitzenkandidatin als Aktivistin gegen Rechts im Osten unterwegs war. 2019 haben Teile der Partei den Europawahlkampf boykottiert weil sich ein Spitzenkandidat möglicherweise an seinem Arbeitsplatz danebenbenommen hat.

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Das ist eine gute Zusammenfassung deines Beitrages, den ich voll und ganz unterschreiben kann.

Gruß
Andi