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Entformalisierung bzw. Liberalisierung der beruflichen Ausbildungsprozesse


#1

Wie stehen die Piraten zu strikten Formalisierung von Ausbildungsgängen in der BRD?

Mit dem “kollektiven Ausbildungssystem” steht die BRD dem “liberalen Ausbildungssystem” des UK konträr entgegen.

Mir schwebt eine Entformalisierung der Prozesse, und eine Zertifizierung von Berufen bzw. Ausbildungen durch dezentrale Prüfungen nach einheitlichen Standards vor. Die Prüfungen kann jeder/jede ohne formale Voraussetzungen versuchen abzulegen d.h. berufliche Skills können sich theoretisch auch autodidaktisch durch “Learning-by-Doing” angeeignet werden. Dies trägt den unterschiedlichen kognitiven Fähigkeiten und praktischen Lern- bzw. Aneignungsgeschwindigkeiten Rechnung.


#2

Weniger kompliziert geht es wohl nicht?

Die deutsche Ausbildungssystem hat eine jahrhundertelange Tradition mit den Entsprechenden folgen für unser Rechtssystem.

Beispiel:
In Deutschland dürfen Elektroarbeiten nur von einem Elektriker gemacht werden, der eine Berufshaftpflichtversicherung haben muss. Er ist in der Regel kompetent und haftet bei Fehlern.

Im liberalisierten angelsächsischen System, darf das jeder machen und haftet halt persönlich und wenn er nix hat, dann hast du eben Pech gehabt.

Unternehmen müssen ungelernte Arbeitskräfte im Job anlernen und diese Mitarbeiter sind sofort überfordert, wenn etwas unvorhergesehenes passiert.

Und das spielt auch in das Bildungssystem rein. Wie gesagt ist sehr komplex und nicht leicht änderbar.


#3

Für unser duales Berufsausbildungssystem werden wir weltweit gelobt.
Man muß nicht alles ändern, was gut funktioniert.

Gruß
Andi


#4

Weltweit “gelobt” :wink: Die BRD wird wegen ihrer niedrigen Arbeitslosigkeit gelobt, dass System der betrieblich-formalisieren Ausbildung ist alles andere als liberal, sondern entspricht eher dem berufsständischen Denken des Mittelalters.

Aha, und Tradition sollte in der modernen Gesellschaft irgendetwas legitimieren? Sind wir nicht langsam weg vom traditional-ständischen Denken und kommen zum funktional-liberalen Denken? Wenn etwas Neues besser funktioniert, als etwas Althergebrachte dann sollte das Neue und besser funktionierende Geltung haben.

Tradition kann man meiner Meinung nach beibehalten, wenn es eine private Angelegenheit ist und kein Bremsklotz für die Liberalisierung des Gesellschaft ist. Tradition sollte jedoch nicht den Anspruch erheben, allein aus sich selbst heraus auch nur irgendetwas zu begründen oder zu legitimieren. Das wäre ein fataler Zirkelschluss.


#5

Nicht umsonst haben viele Länder ihr Ausbildungssystem dem deutschen dualen Ausbildungssystem angepasst.
Ich kann ehrlich gesagt nicht verstehen, dass du Qualifizierung als rückständig ansiehst.Und mit der Liberalisierung hat das m.E. wenig zu tun. Ich bin froh, wenn ich mich darauf verlassen kann, dass ein von mir beauftragter Elektriker, dies auch gelernt hat und sich nicht selbst angeeignet hat und mir die Bude wegen eines Kabelbrandes im Nachgang abbrennt. Dann könnte ich es im Zweifel ja auch selbst mit hilfe eines “How to do Videos” machen mit den gleichen Folgen :wink:
Hier nur mal ein paar informative Links dazu:




Besser funktioniert das andere System meines Erachtens nicht. Es bedarf gewissen Anpassungen, ja, und ein paar zu enge Strukturen sollten durchlässiger sein, aber meines Erachtens nicht das ganze System der dualen Ausbildung.


#6

Notfalls könnten alle handwerklichen Tätigkeiten selbst veranlagt werden können. Man bezahlt den Elektrikter jedoch hauptsächlich für seine Zeit, die sog. Opportunitätskosten, die er dafür aufwendet z.B. elektrische Kabel zu verlegen. Ich möchte in den Elektriker auch nicht ganz ohne Qualifikation auf die Dienstnachfrager losschicken, sondern:

Die Engländer und Amerikaner dürften das anders sehen, genauso wie ein Großteil der liberalen Welt. Betriebliche Ausbildungen kommen vor allem dem Mittelstand und den Kleinbetrieben zu Gute, welche Arbeitskräfte für gleiche Tätigkeiten, wie ausgebildete “Fachkräfte”, unterbezahlen und vom Staat dafür indirekt subventioniert werden (damit die Arbeitslosenstatistik sinkt). Betriebe haben doch vorallem daran Interesse möglichst billige Arbeitskräfte einzustellen und zu unterhalten, damit sie ihren eigenen Gewinn steigern können.

Wenn ein individueller Akteuer zudem gerne Elektriker werden möchte ihm jedoch dies kein Betrieb ermöglicht, sollte es ermöglicht werden Zertifikate auch ohne Betriebe erwerben zu können.

Zusammenfassend:

  • Arbeitskräfte werden durch die Ausbildungen 3 Jahre an einen Betrieb gebunden, vom Staat dafür subventioniert und unterbezahlt bzw. ausgenutzt.
  • Der Arbeitsmarkt ist durch die betriebliche Ausbildung stark stratifiziert, formalisiert und undurchlässig.

Bsp. Ein Akteur möchte lediglich ein oder zwei Jahre als Elektriker arbeiten um etwas Geld anzuscheffeln, weil eine große Nachfrage nach Elektriker besteht und diese somit gut für ihre Dienste und Leistungen bezahlt werden. In der BRD ist dies nicht möglich, sondern der Akteur müsste erstmal eine dreijährige Ausbildung absolvieren und wird während dieser Zeit zu festgelegten Konditionen unterbezahlt. In Amerika und anderen Ländern hingegen, ist dies möglich.

Ich möchte am deutschen System nicht alles schlecht reden und spiele zum Teil mit sehr steilen unfundierten Thesen auch den Advocatus Diaboli. Ich finde dennoch, dass das betriebliche Ausbildungssystem durchaus kritisierbar ist und nicht alles eitel Sonnenschein.


#7

In Hinblick auf die Engländer kann ich es nicht beurteilen, aber in Hinblick auf die US-Amerikaner.
Mein ganzer US amerikanischer Bekanntenkreis findet das Handewerkssystem von Deutschland extrem gut und wären sehr froh, wenn sowas in gleicher Weise in der USA gäbe. Gerade vor dem Hintergrund der Qualitätssicherung. Ich schau mal ob ich ein paar amerikanische Beiträge dazu finde. Nicht alles was scheinbar liberal erscheint, ist auch gut.
Wie ich eingangs sagte, gewisse Strukturen sollen man vereinfachen und durchlässiger machen, aber dass Qualifikation Voraussetzung für die Ausübung eines Jobs ist, halte ich persönlich für wichtig.

Die betriebliche Ausbildung trägt z.B. auch dafür Sorge, dass jemand seinen Job erlernen kann ohne finanziellen Druck. Er wird erst mal bezahlt, wenn auch nur mit einem Ausbildungsgehalt und kann langsam in den Beruf einsteigen und Fachpraxis erlangen.
Wo wird mir das ermöglicht, bei dem bloßen Erwerb eines Zertifikat, welches ich selbst finanzieren muss und die Praxis gezwungenermaßen bei meinen Kunden erlernen muss.

Ich persönlich würde sogar im akademischen Bereich das duale System bevorzugen, da damit die vielen naiven Fachidioten (ja ich bin fies und ich war selbst einer zum Berufsanfang, obwohl ich durch die Vorgabe eines Referndariats zumindest noch eine ausbildungsbegleitende Fachpraxis erfahren habe) der Wirtschaft und der Gesellschaft erspart blieben.
Bildung ist super, man braucht den theoretischen Teil,aber man braucht Erfahrungen in der Praxis um einen Job auch gut auszufüllen. Und genau dass ist Grundlage der dualen Ausbildung.

Ich halte das für eine arg theoretische Annahme, denn Menschen, die eine Ausbildung im Handwerk anfangen wollen, werden händeringend gesucht. Selbst lebensältere Menschen werden in Handwerksberufe umgeschult und haben Chancen eine Tätigkeit dort aufzunehmen.

Und mal 3 Jahre als Elektriker und dann mal 3 Jahre als Steuerberater und danach 3 Jahre als Gas Wasser Scheisse Installateur und danach 3 Jahre als Jurist arbeiten, mag ja ne nette Vorstellung für Abwechslung sein, aber ich glaube nach wie vor, dass man Qualifikationen für einen Job sowohl theoretischer als auch praktischer Natur braucht, um ihn gut auszuüben.


#8

Wir kommen nicht zusammen, da wir auf das Thema aus zwei komplett anderen Perspektiven blicken. Du nimmst, wieso oft in der BRD, die Angebotsseite in den Blick. Ich nehme immer zuerst die Nachfrage Seite in den Blick. Mein grundsätzliche Frage ist: Wie kann möglichst schnell auf eine erhöhte Nachfrage reagiert werden? Und da ist das liberale System meiner Meinung nach um Längen besser, als das kooperatistische System in der BRD. Wie ich schon mehrfach betont habe ist, diesem System ein ständischen Denken inhärent.

Du frägst in Amerika vielleicht die falschen Leute. Frage in den USA einfach mal einen Berufsanfänger der für seine Arbeit sofort volles Gehalt bekommt und einen Auszubildenden mit der gleichen Tätigkeit in Deutschland, der 3 Jahre unterbezalt an einen Betrieb gebunden ist. Das wäre die bessere Umfrage. Deinen Verwandten sind selbst keine Anbietenden von Handwerk, sondern Nachfrager von Handwerkern, somit auch gebiased. Du müsstest deine Bekannten fragen wie viel mehr sie bereit wären zu zahlen um “Made in Germany” zu bekommen. Beim Geld hört es denn dann zumeist doch auf.

Vorsicht: Provokativ

Außer bei den Bio-Fetischisten, die für das “Bio” auf dem Produkt bei der selben Qualität mehr zahlen. Da ist diese Logik außer Kraft gesetzt.


Spekulation: Wie geht es mit GB weiter?
#10

Weil ich weg vom Berufstand möchte. Das ist für mich nicht liberal. Liberal ist wenn man sich theoretisch alles selbst aneignen kann und nicht so sehr direkt (indirekt natürlich durch Infrastruktur/Design, Sicherheit, Rohstoff-, Informations- und Güterversorgung und in Zukunft: BGE, kostenloses Gesundheitssystem, kostenloses Bildungssystem, etc.) auf Institutionen, wie Staat oder Unternehmen angewiesen ist. Die Infraktur sollte möglich top und modular weiterentwickelbar sein, zudem möglichst intuitiv (z.B. softwaretechnisch)und aus wenigen Komponenten zusammengesetzt, so dass die Kosten reduziert werden und ständige Modifikationen und Updates einfach und schnell vorgenommen werden können.

Mein utopisches Ideal wäre eine ständige und autonome Modifikation der Infrastruktur, mithin ein fluide Infrastruktur. Veränderung soll in Zukunft nicht mehr die Ausnahme sein, sondern der Normalfall. Das etwas über längere Zeit gleich bleibt, soll vorallem auf die individuelle Identität zu treffen, wenn dies gewünscht ist. So können auf individueller und zwischenmenschlicher (Beziehungs-) Ebene selbst Gewohnheiten und “Traditionen” entwickelt werden (sog. Pluralismus der Lebensentwürfe).


#11

Also das ist für mich widersprüchlich.
Ein kostenloses Bildungssystem kann und wird meines Erachtens immer nur staatlicher seits angeboten werden. Andere dazu zu verpflichten wäre nicht liberal.
Warum sollte eine private Einrichtung, sei es analog oder auch online, dich kostenlos ausbilden ?
Wenn die Ausbildung von einem Unternehmen gesponsert ist, will ein Unternehmen auch Input, sprich Deine Arbeitskraft. Oder halt eine Vergütung für die Nutzung ihrer Ausbildungsinhalte in Form eines Webinars.
Wer soll denn Deiner Meinung diese Infrastruktur und Inhalte einer kostenlosen beruflichen Ausbildung stellen, wenn nicht der Staat oder Unternehmen ?


#12

Ja und das sind für mich individuelle möglichst perfekt zugeschnittene Lernprogramme. Mit indirekt meine ich, dass die Institutionen nicht mehr zuforderst (Top-Down) aus den Anbietern heraus enstehen, sondern durch die Nachfrager, welche bereitgestellte Infrastruktur nutzen (welche wiederum von Anbietern bereit gestellt wird).

Bsp. Dieses Forum. Es ist existiert zwar auch ohne das darin jemand schreibt in seiner Struktur, jedoch hat es erst dadurch die Institution eines Forum, dass es jemand nutzt und nachfrägt. Institutionen müßen in ständiger Veränderung begriffen sein, denn wenn sie nicht mehr nachgefragt bzw. genutzt und verändert werden, hören Institutionen automatisch auf fortzubestehen.

Fazit: Infrastruktur sollte immer aktualisert möglichst schnell überall verfügbar sein, jedoch stellt die Infrastruktur erst durch ihre vermehrte Nutzung von Usern eine Institution dar.

PS: Jetzt habe ich mich endgültig verzettelt… Logik und Begriffsverwechslungen en Masse.