Die Bürgerversicherung!

Unsere Miranda hat in diesem Thread viele Fragen zur
Bürgerversicherung gestellt, die ich hier gerne beantworte.

Bürgerversicherung

Die Konzept der Bürgerversicherung heben das Hauptproblem,
nämlich die “Duale Vergütung” auf.

Die Bürgerversicherung bedeutet im Prinzip, dass es nur eine
einzige gesetzlich geregelte Krankenversicherung gibt, in die
ALLE Bürger prozentual einzahlen. D.h. Alle beteiligen sich
auch an der Solidarität, die für alle zivilisierten Gesellschaften
eine Grundmaxime ist.

Die Bürgerversicherung bedeutet auch, dass die Leistungs-
kataloge EBM und GOÄ zu einem neuen “Bürgerversicherungs-
katalog” zusammengefasst werden. D.h. der bisher nur
Kassenpatienten behandelnde Arzt erhält damit mehr, der
bisher nur Privatpatienten behandelnde Arzt aber weniger, so
dass das heute übliche Sozialgefälle (z.B. zwischen Berlin-
Neukölln und dem Starnbergeer See) ausgeglichen wird.


Dadurch, dass ALLE in die Bürgerversicherung einzahlen,
haben wir insgesamt mehr Geld zu Verfügung, und der Anteil
der zur sozialen Versorgung (Studenten, Geringverdiener,
Rentner, …) verwendet werden muss, sinkt. D.h. dieser Anteil
am Gesamtaufkommen ist etwas kleiner - und damit könnte
sogar der Beitrag, den ALLE zahlen, etwas sinken.

Noch weiter sinken würde der Beitrag, den ALLE zahlen, wenn
die Beitragsbemessungsgrenze aufgehoben würde. Denn mit
Beitragsbemessungsgrenze würde ein Mensch, der ca.
60.000 €/Jahr verdient, ca. 14,6 % seines Bruttoeinkommens
(Arbeitnehmer und Arbeitgeberanteil). Aber ein Mensch, der
120.000 €/Jahr verdient, zahlt prozentual nur halbsoviel: 7,3 %.

Die Bürgerversicherung würde all die Probleme, die durch die
“Duale Vergütung” das Gesundheitssystem in Schieflage
bringen, wieder korrigieren:

  1. Ungerechte Feudalstruktur durch die PKV: PKV-ler beteiligen
    sich nicht an der Solidarität
  2. Kassenpatienten haben überwiegend keinen Zugang zu Experten
  3. Erhebliche Fehlallokationen in fast jedem Fachbereich.
  4. Forschungsleistungen sind viel schlechter.
  5. Uneffiziente duale Strukturen (doppelte Facharztschiene,
    Drehtürmedizin) - nur zum Wohle der Privatversicherten.

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Wichtig für mich:

  1. Die Beitragsbemessungsgrenz muss abgeschafft werden.
    D.h. wirklich JEDER beteiligt sich prozentual an der Finanzierung
    des Gesundheitssystems. Damit könnte der prozentuale Satz für
    ALLE sinken.

  2. Private Krankenversicherung gibt es weiterhin. Diese versichern
    aber nur nicht-medizinischen Leistungen, also:

Hotel- oder Bequemlichkeitsleistungen, z.B. Einzelzimmer,
Internnetzugang, Kulinarische Versorung, Medien am Krankenbett,
Unterhaltungsshows und Kabarett, im Krankheitsfall, Hotelservice,
Theater am Krankenbett, güldene Bestecke, Beheizte WC-Brille,
Wunderheiler, Händchenhalten usw. Homöopathie würde ich hier
auch dazuzählen.

Dasselbe gilt für Fettabsaugungen, Augenlideranhebungen oder
Nasen- und Intim-OPs, also für alle Schönheitsoperationen.

Für alle diese Leistungen kann jeder - nach wie vor - privatrech-
tliche Versicherungen abschließen. Und zwar deshalb, weil all
diese keine originär medizinische Leistungen sind. Sie haben auf
das Überleben keinen Einfluss.

Alle echten medizinischen Leistungen würden von der Bürger-
versicherung abgedeckt und würden nach dem einheitlichen
Entgeltkatalog der Bürgerversicherung bezahlt. Es sind hier
keine Zusatzversicherungen zugelassen, die mehr bezahlen
(denn wir wollen ja gerade alle “Zusatzvergütungen bzw.
Bestechungsgelder” abschaffen). :face_with_raised_eyebrow:

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Und nun zu den Fragen von Miranda:

Du gehst mit keinem Wort auf das Strukturproblem der “Dualen
Vergütung” ein? Hast Du Dich damit mal befasst? Weißt Du
inzwischen was das überhaupt bedeutet? Sagt Dir das Wort
“Fehlallokation” etwas?

Du kannst noch soviel Geld in ein System stecken, welches
fast überall “Fehlallokationen” hat, es wird dadurch NICHT
besser. Man muss zuerst die Fehlallokationen abbauen. Jeder
Unternehmenslenker oder BWLer lernt das im ersten Semester!

Die PKV mit ihren gesonderten GOÄ-Vergütungen provoziert
diese Fehlallokationen. Und natürlich, wenn wir dieses Problem
aufgehoben haben, werden die Ressourcen (hier Human
Ressources) gezielter und gerechter zugeordnet - und damit
ist - ohne zusätzliches Geld(!) - das System schon mal viel
besser.

Doch, doch, mit der Abschaffung der PKVen beteiligen sich alle
an der solidarischen Finanzierung - und so haben wir entweder
etwas mehr Geld in der Krankenversicherung insgesamt - oder
wir können sogar den Beitrag senken.

Die absolute Finanzierung ist in jedem Staat immer ein
demokratisches Aushandeln. Die Menschen, die im Gesundheits-
system arbeiten, werden tendenziell immer behaupten, sie wären
unterfinanziert und hätten zuwenig Geld. Die Bürger und
insbesondere die Wirtschaft wird immer behaupten, die
Sozialnebenkosten seien zu hoch und würden die Innovation
abwürgen. Dieses Aushandeln wird immer bestehen bleiben.

Aber unahbängig von der absoluten Höhe der Finanzierung
müssen wir ERSTMAL die strukturellen Probleme beheben:
Wir müssen dafür sorgen, dass die vorhandenen Ressourcen
auch zielgerichtet dort sind, wo sie gebraucht werden. Und
das kann durch Abschaffung der PKV bzw. Einführung einer
Bürgerversicherung geschehen.

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Und nun zu Deinen Einzelfragen …

Und dazu die Antworten:

  1. Nein, natürlich nicht. Aber es ist der erste und zunächst
    einmal wichtigste Schritt. Daneben gibt es noch viele viele
    weiter Probleme: AWBs, Beschaffung med. Geräte,
    effiziente Abläufe, einheitliche IT-Struktur, …

  2. Für “medizinische Leistungen” ja: Dort gibt es nur die
    Bürgerversicherung - siehe oben! Für “nicht-medizinische
    Hotelleistungen” nein: Hier kann sich jeder beliebig privat
    zusatzversichern.

  3. Genau das wäre das Problem, wenn man Zusatzversicherungen
    für “medizinische Leistungen” zulassen würde. Das gerade
    wollen wir ja ausschließen, damit diese Art der Bestechung
    medizinischen Personals nicht mehr möglich ist.

  4. Selbstzahler wird es in der Tat nicht mehr geben können.
    Menschen aus dem Ausland sind ebenfalls über die
    Bürgerversicherung hier versichert.

  5. Viel! Durch die Bürgerversicherung würde sich der Experte
    für Pankreas WIRKLICH nur um die Pankreas-Patienten
    kümmern. D.h. hier würden keine Ressourcen mehr verschendet,
    jeder ist wirklich dort eingesetzt, wo seine Expertise am meisten
    nützt. Und die Überlebensrate würde ansteigen.

  6. Zum einen würde es mehr MVZs (medizinische Versorgungs-
    zentrum - ähnlich einer Poliklinik) geben, in welcher die Ärzte
    angestellt sind. Das hat den Vorteil, dass die Ärzte nicht mehr
    hauptsächlich “Kaufmann” sein müssen, sondern sich auf ihre
    Patienten konzentrieren können.

Aber auch niedergelassene Ärzte können mit den Einnahmen
des höher gewichteten neuen “Bürgerversicherungsleistungs-
katalog” gut leben. Die am Starnberger See werden natürlich
ihr Modell nicht mehr so lukrativ fortführen können. Den
Ärzten in sozial niederen und ländlicheren Gebieten wird es
aber finanziell erheblich besser gehen.

  1. Den “Honorarzt” gibt es dann nicht mehr.

  2. Nein, natürlich nicht. Die Budgetierung ist eine weitere
    Eigenschaft, die - aus meiner Sicht - behutsam zurückgefahren
    werden muss. Wir haben heute bei Allgemeinärzten leider eine
    Budgetierung, damit die Kosten nicht aus dem Ruder laufen.
    Die Onkologien z.B. unterliegen keiner Budgetierung. Ich würde
    die Budgetierung bei den Allgemeinärzten und vielen Fachärzten
    zugunsten einer Controlling-Instanz, die dann die Abrechnungen
    und Leistungen überwacht, abschaffen.

  3. Also - in der Vergangenheit wurde von SPD und Grünen immer
    wieder versucht, die PKV endlich abzuschaffen. Das scheiterte
    immer bei Koalitionsverhandlungen - oder zuvor im Bundesrat, und
    führte zu halbseidenen inkrementellen Kleinänderungen. Diese
    Kleinänderungen sind nicht Ziel der Piraten. Wir wollen schon
    wirklich Gerechtigkeit, d.h. Zugang aller zu medizinischen Leistungen,
    unabhängig vom Einkommen. Und das heißt “Bürgerversicherung”
    (siehe oben).

Aus Deinen Ausführen erkenne ich, dass Du wahrscheinlich
selbst Ärztin bist, die überwiegend privat bezahlt wird, oder Dein
Vater als Honorarzt seine Existenz bestreitet. Damit wird auch
klar, dass Du beharrlich vom Thema “Bürgerversicherung”
ablenkst. Also - ich kann das gut nachvollziehen.

Aber ich bitte Dich inständig: Nimm doch mal den Standpunkt eines
normalen Bürgers ein, der eine medizinische Leistung benötigt,
der aber nicht im Grunewald, Blankenese oder am Starnberger
See wohnt, sondern irgendwo in Mecklenburg-Vorpommern oder
sonst wo auf dem Land. Da gibt es heute kaum Ärzte, weil die
dort nur Kassenleistungen abrechnen können, und die Gegend
zudem unattraktiv ist. Ab davon, sieh’ Dir an, was die PKV alles
bewirkt: Es ist im Prinzip eine Art “Bestechung”, ihre Patienten
bevorzugt zu behandeln.

  1. Siehe oben. Indem die Fehlallokationen korrigiert werden
    und jeder Zugang zu adäquaten medizinischen Leistungen
    bekommt. Gerade bei ernsthaften Erkrankungen ist das
    entscheidend!

  2. Ja genau. Siehe oben.

  3. Ja, auch hier Zustimmung. Es muss ein eigener Leistungs-
    katalog der Bürgerversicherung entwickelt werden. Und dieser
    muss jährlich an Inflation und besondere Therapien angepasst
    werden.

  4. Bei Krankenhäusern gibt es ja eine Kombination aus
    Grundpauschale, Fachpauschale und DRG (Fallpauschalen,
    Sonderentgelte) und Investitionskosten. Dies ist schon ein
    komplexes Gewirr - und muss von Fall zu Fall betrachtet werden.

Aber auch hier: Allein schon durch die bessere Ressourcen-
zuordnung bekommen wir eine viel bessere Effizienz - und damit
Behandlung der Patienten hin. Diese bessere Ressourcen-
zuordnung entsteht durch Abschaffung der PKV.

Natürlich wird das nicht alle finanziellen Probleme lösen. Hier
ist auch betriebswirtschaftliches Geschick gefordert, d.h. wir
brauchen effizientere Abläufe, eine einfache und einheitliche
IT-Umgebung usw.

Also, auf ein besseres Gesundheitssystem … :joy:

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