Das "Verbot" = rhetorische Wendung

Die Grünen werden von Konservativen und FDP gerne als
“Verbotspartei” tituliert. Ein wirklich gefährliches Prädikat,
das ihnen damit verliehen wird. Dabei kann jede Regulierung
als “Verbot” gesehen werden. Betrachten wir mal das
Diktum “Verbot” näher.

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Die Verwendung des Wortes “Verbot” ist immer nur die eine
Seite eines Themas. Die andere Seite wäre “Ermöglichung”
oder “Befreiung”.

Beispiel:

  1. Verbotsseite: “Wir verbieten jetzt, dass in dieser Zone
    Autos fahren dürfen”.

  2. Ermöglichungsseite: “Wir ermöglichen jetzt, dass in dieser
    Zone Menschen flanieren und Kinder spielen können.”

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Wir sehen also, dass die “Verbotsseite” nur eine rhetorische
Wendung ist. Denn jede “Verbotsseite” hat auch eine
“Ermöglichungsseite”. Es ist nur eine Frage der Betrachtungs-
perspektive.

Beispiel:

  1. Verbotsseite: “Wir verbieten jetzt, dass bei Rot über die
    Kreuzung gefahren werden darf”.

  2. Ermöglichungsseite: “Wir ermöglichen jetzt, dass an dieser
    Kreuzung alle Verkehrsteilnehmer gleichberechtigt fahren können,
    indem wir eine Regulierung durch Ampeln einführen.”

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In einem speziellen Beispiel “Tierhaltung” kann man diese
zwei Seiten auch sehen:

  1. Verbotsseite: “Wir verbieten Massentierhaltung”.

  2. Ermöglichungsseite: “Wir ermöglichem jedem Säugetier
    und jedem Vogel ein tiergemäßes und mißbrauchsfreies
    Dasein”.

Man könnte zu (2) noch hinzusetzen: “Das, was für meinen
lieben Haushund oder meinen Wellensittich gilt, das soll
auch für andere Tiere gelten: Ein Leben ohne erbärmliche
Zustände”.

                              --- Schlussfolgerung ---

Bei allen Verboten haben wir immer zwei Seiten: Man kann
sich fragen, was genau diese “Verbote” denn ermöglichen -
und den Fokus auf dieses “Ermöglichen” setzen. Und dabei
sieht man dann: Es gibt viele “Ermöglichungen”, die als
Regulierung unbedingt notwendig sind - für Bürgerschutz,
Umweltschutz und Klimawandel. Und es gibt aber auch
“Ermöglichungen”, die nur wenigen nützen und hinterfragt
werden müssen.

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Sehr guter Aufschlag - danke.

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Dann beginnen wir einmal mit dem wichtigsten Verbot:
“Du sollst nicht töten.”

Das Ermöglichen besteht einzig darin Ausnahmen zu konstruieren, bei denen Töten doch erlaubt sein könnte.

Jedes Verbot ist nichts anderes als die Sanktionierung von Verhalten, das derjenige, der die Gewalt innehat, umzusetzen versucht.

In einem Rechtsstaat ist dies ein demokratischer Prozess.

Interessant dabei ist einzig das Verhältnis zwischen denen, die ein Verbot wünschen und die es ablehnen.

Bei 100% Zustimmung wird das Verbot gar nicht benötigt, denn es besteht der Konsens dieses Verhalten zu unterlassen.

Bei jedem anderen Verhältnis ist es eine Abwägung von Vernunft und Toleranz.

Dieses Verhältnis kann durch “Werbung” verändert werden.
Die Frage ist stets, wie zugänglich sind die Entscheider für Vernunft und Unvernunft.
Stets eine Frage der Bildung und persönlichen Reife.

Meiner Meinung nach sollte die Piratenpartei auf Vernunft setzen, bei gleichzeitiger Verantwortung eine vernünftige Entscheidung herbeiführen zu wollen.
Auch wenn es bei der Piratenpartei und den anderen Parteien regelmäßig an der Vernunft scheitert, da Ideologie einen größeren Einfluss hat.

Fazit: Problem schildern, vernünftige Lösung anbieten und unvernüftige Lösungsansätze inhaltlich kritisieren.

Das Diktum “Du sollst nicht töten” kann genauso auch unter
der Ermöglichungsperspektive betrachtet werden. Es heißt
dann nur:

“Das Leben ist unser höchstes Gut. Daher sollte jedem
Individuum ermöglicht werden, ohne Gefahr durch andere
getötet zu werden, durch’s Leben zu gehen.”

Eine wichtige Ermöglichung für jede menschliche Zivilisation.

Vernunft versus Ideologie?
Das ist eine Nullaussage - und zudem “off topic”.

Hier geht’s erstmal weniger um Inhalte, auch nicht um das
Verfahren zur Bildung von Inhalten, sondern nur um das
rhetorische Konzept des “Verbots” beziehungsweise des
“Ermöglichens”.

Um den stringenten Gedankengang weiterzuspinnen, fallen
mir da als wichtigste “Ermöglichungen” ein:

  1. Jedem Menschen sollte ermöglicht werden, dass er sich im
    Internet frei bewegen kann, also frei von systematischem
    Ausspionieren, Verfolgen oder sogar Vorgeben einer Teilwelt
    (das ist ja im üblichen analogen Leben selbstverständlich,
    im digitalen allerdings fast vollständig unterdrückt).

  2. In “sozialen Medien” sollte es jedem Menschen ermöglicht
    werden, sich frei von Fake-Like-Sensations-Verzerrungen und
    deren Abwärtsspiralen zu bewegen.

  3. Jedem Menschen, jeder auch kleinen Institution sollten wir
    einen Anteil an der freien Meinungsbildung und am freien
    Markt im Internet ermöglichen (das ist bisher schon schwierig,
    im Internet aufgrund der Monopolisierung durch große
    Plattformen noch schwieriger).

  4. Für alle Menschen (und deren Institutionen) sollte eine
    gerechte Finanzierung des Gemeinwesens ermöglicht bzw.
    durchgesetzt werden.

Also: Wir wollen unbedingt für Menschen und Zivilisation wichtige
Dinge “ermöglichen”!

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Das ist mir zu unpräzise (sowohl hinsichtlich der Verbote als auch der damit verbundenen “Ermöglichungen”, weil

Ich formuliere deshalb die Frage um. Sie lautet m.E.

“Welche Regulierungen sind gesellschafts- (=mehrheitsdienlich)?” Das ist einfach besser messbar wohingegen es großen Investoren z.B. aktuell sehr vernünftig erscheint, Gas- und Atomkraftwerke wieder salonfähig zu machen.

@syna : Zur Durchsetzung deines 4-Punkte - Ermöglichungs-Plans wären einige Verbote notwendig. Im Übrigen - so habe ich über den Dualismus Verbot vs. Ermöglichung noch nie nachgedacht. Gute Argumentationshilfe in der politischen Auseinandersetzung. Man könnte u.a. sinnlose Verbote durch schlüssige Darstellung einer “leeren Ermöglichungsmenge” als sinnlos entlarven.

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Nach dem Desaster der Weltkriege haben sich schon einige überlegt, wie man die Welt besser gestalten könnte und die Welt ist dadurch deutlich gesellschaftsfähiger geworden.

Alleine, dass Dir auffällt, dass sich, Deiner Meinung nach Viele, sich unvernünftig verhalten, zeugt doch schon von gewissen Wertvorstellungen, die Dein Leben geprägt haben.
Deine Einstellung ist das Ergebnis einer gesellschaftlichen Weiterentwicklung, die auf Vernunft gründet.
Du beklagst, dass andere noch nicht so weit sind und die gesellschaftliche Entwicklung noch nicht mitvollzogen haben.

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Ja im Prinzip schon.

Aber dass Du diese wieder “Verbote” nennst, zeigt, dass Du die Rhetorik
noch nicht verinnerlicht hast. Immer wenn man das eine verbietet, ermöglicht
man ja das andere.

Das man von “Verboten” und “Verbotspartei” redet, ist Ausdruck
einer Herrschaftsrhetorik, die extrem geschickt ist. Denn niemand möchte ja,
dass man ihm oder ihr etwas “verbietet”.

Das ist natürlich eine Lüge. Konkrete Gegenbeispiele:

  1. Das Verbot des humanen Suizidmittels Natrium-Pentobarbital, das von Sterbewilligen für ihren humanen, menschenwürdigen Freitod verwendet werden kann (das Mittel ist zwar nicht perfekt, aber es ist das beste existierende Mittel). Es ist verboten, weil religiöse Lobbies Suizid für eine Sünde halten. Das Verbot ermöglicht… gar nichts. Für niemanden.

  2. Das Verbot von kinderförmigen Sexpuppen. Es geht hier nicht um die Diskussion, welches Schutzalter und welche Bestrafungen für Sex mit realen jungen Menschen angewendet werden soll, sondern um das 2021 vom Bundestag beschlossene Verbot von Objekten, die lediglich der Form nach Kinderkörpern ähnlich sehen. Schon der Besitz solcher Objekte ist jetzt mit bis zu 3 Jahren Haft strafbar. Dieses Verbot schränkt die Freiheit der Bürger ein, selbst zu entscheiden, ob und mit welchen Objekten sie privat masturbieren wollen. Es verletzt also ihre sexuelle Selbstbestimmung. Es ermöglicht dabei… gar nichts. Für niemanden. Denn ein reales Rechtsgut wird nicht geschützt.

Weitere Beispiele kann man sicher ebenfalls finden.

Nehmen wir da doch mal das aktuelle Verbot von Telegram als Beispiel:

1.) Für die einen ist es ein Verbot und Einschränkung ihrer freien legalen Meinungsäußerung und dafür gibt es gute Argumente. Denn die Mehrheit nutzt ja Telegram für völlig legale Chats und Kommunikation.

2.) Für andere, vor allem Minderheiten, Juden, Homosexuelle, Queere Menschen Ausländer usw. würde solch eine Sperrung aber evtl mehr Freiheit bedeuten. Also ein Leben frei von permanenter Hetze, Aufruf zur Gewalt gegen Sie und Verleumdungen durch Fake News. Damit dann auch ein freieres Leben denn dieses ist ja nur möglich wenn man nicht dauernde Anfeindungen fürchten muss.

Ich fände da beide Argumente im grunde rational nachvollziehbar. Aber im Endeffekt kommt man dann eben doch recht schnell zu 2 Freiheits Begriffen die sich dann wieder gegenseitig ausschließen und einem entsprechenden Konflikt.

Dabei handelt es sich um einen (extrem massiven) Eingriff in die Gewerbefreiheit, speziell wenn hier gegen einen einzigen Anbieter vorgegangen würde. Ein Nutzungsanspruch für bestimmte Anbieter dagegen besteht nicht; so stellte z.B. auch ein Konkurs von Telegram keine Einschränkung der Meinungsfreiheit dar.

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Für sich gesehen sind es ja auch Verbote, weil irgendeine Handlung damit unterbunden werden soll - Rhetorik, dass damit etwas anderes ermöglicht wird, hin oder her. Das ist erst der sekundäre Gedanke.

Ooch - schon wieder 'ne Begriffsdiskussion. Aber leider hast du recht. Wir ziehen uns zu sehr an der (oft allzu dynamischen) Bedeutung der Begriffe hoch. Mein Problem ist: Ich bin da mehr Purist.

Verbot - man darf etwas nicht tun; ohne ideologische Hintergedanken.
Querdenker - ein Mensch, der mit unorthodoxen Ansätzen (oft positiv) von den “Denknormen” abweicht und auf jeden Fall DENKT (steckt ja schließlich im Wort) und eben kein spaziergängernder Schwurbler
Schwurbler - ein Mensch, der über Dinge redet, von denen er keine Ahnung hat und damit nicht zwingend ein “Spaziergänger”, der aggressiv auftritt, sein muss
links - ist da wo mein Herz ist, damit beschreibe ich keine Ideologie.
Ich denke, das reicht erst einmal.

Syna hat es ja schon in der Überschrift beschrieben, Rhetorik ist alles!

Dies lernt jeder „gute Verkäufer“ als erstes. Rhetorik zusammen mit PR ist der Schlüssel zum Erfolg!

Ich schreibe ja auch nicht, „VERBOT FÜR KLEINWAGEN“, sondern sage:

  • Mit einem SUV haben sie eine viel bessere Übersicht im Verkehr, und können damit Unfälle vermeiden.
  • sie können ihr Kind in den Kindersitz setzen ohne einen Rückenschaden zu bekommen,
  • sie haben Platz um auch mal Oma und Opa mit in das Wochenende zu nehmen,
  • mit Allrad dazu zeigen sie ihrer Familie Plätze in der schönen Natur, wo sie mit einem normalen Fahrzeug gar nicht hinkommen:.
    (wer Ironie findet, usw)

Natürlich ist es besser alles „in schön zu verkaufen“, - wer verbietet hat schon verloren.

Und ebenso natürlich hält sinngemäß ähnliches Wording (leider) auch in der Politik Einzug:
„Das gute Kita Gesetz…“
Oder hört sich „Ausserlandesbringung“ nicht besser an als Abschiebung?

Oder ist das Verbot des Haushaltsrechts für Griechenland nicht viel schlimmer als ein „Eurorettungsschirm“?

(Ich glaube, ich höre mal auf… :wink:

Ja und Nein.

Das Besondere an der Verbotsrhetorik ist ja, dass man JEDES
Verbot, aber auch wirklich jedes(!) - genauso als “Ermöglichung”
verstehen kann.

Und umgekehrt gilt das genauso: Bei Regulierungen durch
Dekrete oder Gesetze ist jede “Ermöglichung” auch immer ein
Verbot.

Beispiel 1: Wenn wir rauchen verbieten, ermöglichen wir eine
reine Luft für Jedermann!

Beispiel 2: Wenn wir es ermöglichen, dass Fahrradfahrer auf der
Straße fahren können, dann verbieten wir Autofahrern, dass sie
“ihren” angestammt ihnen gehörenden Straßenbereich als den
alleinig ihrigen ansehen. Ein großes Verbot für diese Spezies!

Diese Lüge habe ich bereits oben durch konkrete Gegenbeispiele widerlegt. Du implizierst damit ein absurdes Weltmodell, wo es einen kollektiven fixen Pool an menschlicher Freiheit gibt, die Einschränkung der Freiheit einer Gruppe immer automatisch ein äquivalentes Maß an Freiheit einer anderen Gruppe zuführt sowie umgekehrt, sodass nur noch Nullsummenspiele um die Verteilung dieses Pools möglich sind und der Pool gerecht verteilt werden muss.

Dies ist einfach hanebüchener Unsinn. Alle Menschen können gleichzeitig Freiheit verlieren und umgekehrt. Schon deine Beispiele sind absurd:

Die negativen Externalitäten des Passivrauchens hängen stark von der physikalischen Situation ab, wenn du z.b. 20m entfernt von mir draußen rauchst, bekomme ich davon nicht allzuviel mit.

Man sollte aber nicht vergessen, dass es in der Politik auch um konkrete Gesetzgebung geht, und die Leute natürlich merken, wenn sie verarscht werden.

Bist du dir da sicher?

Ich glaube eher, dass Marketing immer mehr Einzug in de Politik halten wird.
Dies hat auch mit dem Netz und unserer Aufmerksamkeitsspanne zu tun.
Meist ist da schon eine Überschrift wichtig, da es nur ein paar Sekunden Zeit hat für die Aufnahme in unser Gehirn.

Und deshalb wurde ja auch das Wort “Verbotspartei” als negativer Begriff im Netz generiert, und hat Einzug in den politischen Wortschatz der Grünengegner gehalten.

Und dies hat natürlich das “Politik-Marketing” erkannt und schnell positive von der Politik gesetzte Marketingnamen für Gesetze erfunden:
Das „Gute-Kita-Gesetz“, das „Geordnete-Rückkehr-Gesetz“, das „Starke-Familien-Gesetz“ oder die unvergessliche „Respekt-Rente“ sind da Beispiele.

Menschen die sich mit Politik beschäftigen, können sich da verarscht fühlen, bei Wählern die sich nur alle 4/5 Jahre für ein paar Minuten, im besten Fall für ein paar Stunden, mit der Politik beschäftigen können solche Begriffe aber einen positiven Effekt hervor rufen.

Gerade höre ich im Bundestag das Wort “Job-Booster”… Hat eine Abgeordnete schnell geschaltet was aktuell positiv besetzt ist… = Marketing in der Politik.

Du hast leider Recht, dass beschönigendes und teilweise aktiv irreführendes Framing immer mehr verwendet werden. Sowohl im Gesetzgebungsprozess als auch in den Medien und natürlich der politischen Außendarstellung.

Trotzdem gibt es Bürger wie mich, die auf das konkrete Endergebnis blicken. Wer mir Freiheiten verbietet, dir mir wichtig sind, muss halt damit rechnen, dass ich gegen ihn stimme. Leider sind die politischen Parteien von ihrer inhaltlichen Positionierung nicht weit auseinander. Christian Linder hat sich z.B. bei der Bundestagwahl mit dem Slogan “Die Freiheit hat einen Verbündeten” auf Werbeplakaten abbilden lassen. Das war natürlich ebenfalls eine Lüge. Konkret wäre allenfalls gewesen “Christian Linder scheißt nicht ganz so sehr auf eure Freiheit wie die GroKo und Co. - und wen wollt ihr sonst wählen?”